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Neue Erkenntnisse der Hirnforschung zum Lernen

By Michele Dunn,2014-06-02 20:21
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Neue Erkenntnisse der Hirnforschung zum Lernen

Neue Erkenntnisse der Hirnforschung zum Lernen

    Dr. Manfred Spitzer (Psychiater, Hirnforscher, Professor an der Universität Ulm)

    Lernen gehört zum Kerngeschäft eines Psychiaters. Er selbst kam in den Bildungsrat von Baden-Württemberg und hat gesehen, dass die KollegInnen dort nichts vom Hirn wissen. Für sie wollte er ein Handout schreiben, das dann ein gut verkauftes Buch wurde.

    Schmerzen werden an einer bestimmten Stelle im Gehirn registriert und können dort lokalisiert werden. Das Gefühl des Ausgeschlossenseins zeigt sich im gleichen Bereich des Gehirns. Dies wurde in Form eines virtuellen Ballspiels in der Gehirnmessröhre gemessen. Jemand wurde zuerst in ein Spiel einbezogen, dann wieder nicht. Es war möglich zu sehen, wo das Gehirn das Ausgeschlossensein registriert. An der gleichen Stelle im Gehirn lassen sich Vereinsamung, Verlassenwerden und eben auch (körperlicher) Schmerz lokalisieren. Schmerz ist ja kein Selbstzweck, sondern ein Signal. Das gilt für Körperliches wie auch für Seelisches. Jemand in einer guten Gemeinschaft hält viele körperliche Schmerzen aus. Dieses Zentrum ist auch für Fehler zuständig. Alle drei signalisieren dem Menschen: Wenn du so weiter machst, bist du bald tot.

    In der Wirtschaft denken alle an sich. Adam Smith sagte, dass das gut ist, denn so ist an jeden gedacht. Wenn alle rationale Egoisten sind, dann funktioniert es meint man. Eine

    Untersuchung in einer Mensa hat ein anderes Ergebnis gebracht. ? 10 werden vergeben. Der

    Erste soll sagen, wie das Geld verteilt wird, der Zweite sagt, ob das OK ist. Wenn ja, dann wird das Geld unter diesen beiden so aufgeteilt. John Nash

    (Wirtschaftswissenschaftsnobelpreisträger) sagte folgendes Ergebnis vorher: 9,99 zu 0,01. Es lagen aber 40% bei 5 zu 5. Bei den Inuit waren es 100%. (Spitzer: Die können nur gemeinsam Fische fangen.) In vielen Fälle sagte der Erste 8 zu 2. In 80% dieser Fälle sagte der Zweite nein. Dieses Phänomen kann die Wirtschaftswissenschaft nicht erklären. Wenn man nun den Versuch mit Menschen macht, die sich nicht kennen, und den Zweiten währenddessen im Scanner hat, dann kann man im Gehirn messen, dass unfaire Angebote zu Bauchweh führen, und zwar 9 zu 1 zu mehr als 8 zu 2.

    In Deutschland gibt es 16 Bildungssysteme in 16 Bundesländern, aber nicht 16 Blinddarmoperationsformen, weil man zweiteres für eine naturwissenschaftliche Frage hält. Tatsächlich ist aber auch Lernen eine naturwissenschaftliche Frage.

    Menschen haben ein Grundbedürfnis nach Fairness und nach Gemeinschaft. Ein Affenexperiment hat Folgendes gezeigt: Ein Versuchstier lernt mit Plastikchips Gurken zu kaufen. Wenn es sieht, dass ein anderer Affe für dasselbe Geld eine Banane bekommt, dann ist er angefressen über diese Unfairness und kauft sich keine Gurke mehr. Wenn er bloß auf einem Tisch daneben eine Banane sieht, führt das nicht zu dieser Reaktion. Also: Schon Affen wollen Fairness.

    Menschen lernen mit (positiven und negativen) Emotionen schnell, egal ob ich verliebt bin, oder Schmerzen fühle. So müsste man das Rohrstäbchen eigentlich wieder einführen. Der „Mandelkern“ im Gehirn reagiert sehr schnell auf Augenimpulse. So schaltet das Gehirn auf

    Gefahr und Muskelaktivität, noch bevor eine Bedrohung als Schlange identifiziert ist. Angst schließt Kreativität aus. Sie macht einen engen Fokus und führt zu schneller Reaktion. Wenn jemand einen aktiven Mandelkern hat, dann kann er nicht kreativ denken. So ist es z.B. einem Medizinstudenten nicht möglich, aus einzelnen Symptomen die richtige Krankheit aus vielen zu erkennen, wenn sein „Mandelkern“ aktiv ist.

    Wenn ich nun mit Angst unterrichte, dann wird das Gelernte zwar abgespeichert, ist aber mit dieser Angst gekoppelt. Beim Abrufen wird dann die Angst wieder abgerufen und damit die Kreativität gehemmt.

    Ein Haus kann man nicht gegen die Physik bauen, aber auch nicht mit Physik alleine. Die Gehirnforschung kann also nicht sagen, wie man am besten den Kraftbegriff in die Physik einführt. Aber die Hirnforschung kann sagen, was unfaire Behandlung und Angst bewirken. Es gibt also Fakten, und es sollte nicht um Ideologie gehen.

Fragen:

    Wie reagieren die konservativen Bildungspolitiker auf Ihre Erkenntnisse? Spitzer: Bei PISA hat mich am meisten vom Stuhl gehauen, dass Deutschland das Land mit den stärksten sozialen Bildungsauswirkungen ist. Wir wissen also, dass es in Deutschland nicht funktioniert. Aber es ist ein schwerfälliges System, das nur sehr langsam veränderbar ist, auch nicht leicht von einem willigen Minister. Eine bessere Antwort habe ich nicht.

    Die Fairnesswilligkeit des Menschen ist doch offensichtlich nicht gegeben zwischen Gruppen. Spitzer: Ja, das funktioniert dann, wenn die Führer den Mitgliedern ihrer Gruppe einreden können, dass die anderen keine Menschen sind und sogar getötet werden können. Wenn sich Menschen nicht fair verhalten können, werden sie zu Egoisten. Wenn aber faires Verhalten von den Randbedingungen her möglich ist, dann wird es gemacht.

Aber was fair und gerecht ist, bestimmt doch die Kultur/Gesellschaft.

    Spitzer: Nicht unbedingt. Freilich, alles was in uns steckt, ist Produkt des Lernens in der Kultur. Ich kann nicht unterscheiden zwischen mir und meinem Gehirn. Ich bin mein Gehirn. Wenn ich ein Gehirn transplantiere, dann wacht der Spender, nicht der Empfänger auf. Aber wenn wir das Hirn beim Lernen betrachten, dann sehen wir, wie es das macht, und können etwas daraus für das Lernen lernen. Es gibt auch unterschiedliche Gehirnentwicklungen je nach Kultur und Sprache.

    Warum finden überall die Bildungsdiskussionen so inbrünstig, unsachlich und falsch statt? Spitzer: Bildung ist eine Aufgabe des Staates. Früher sollten die Kinder gesellschaftlich erwünschte Veränderungen durchmachen. Heute geht erst seit kurzem die Bildung von den Kindern aus. Die Umstellung dauert, aber es wird sich hier auch ändern und so, wie der Kindergarten vom Sozialministerium ins Bildungsministerium wanderte, wird auch die Bildungsfrage wissenschaftlich behandelt werden.

Wann lernt man am besten eine Fremdsprache?

    Spitzer: Mit null! Zweisprachig aufwachsen ist ein Vorteil. Aber das Lernen sollte mit Freude erfolgen, also sollte man nicht mit jemandem Englisch lernen müssen, der es nicht kann oder es selbst nicht mit Freude vermitteln kann.

Gibt es neue Erkenntnisse zum Buch von Frederic Vester?

    Spitzer: Die Hirnforschung ist heute viel weiter. Seine Lerntypen gibt es nicht. Das Gehirn ist ein Organ der Mustererkennung und der Musterentwicklung. Und da ist es wichtig, wie die Entwicklung beginnt. Kinder sollen sich von Anfang an möglichst vielfältig ihre Welt erschließen können, und keinesfalls nur mit einem Licht- und Klangteppich aus dem Fernseher. Ganzmenschlich, vielfältig!

    Wie kann man falsch vorgeprägte Menschen und PädagogInnen umlernen lassen und ist das selbstbewusste Werkeschaffen (Herz, Hand, Kopf) hilfreich?

    Spitzer: Zweiteres ist ganz klar. Zum Ersteren ist zu sagen, dass ich nichts vergessen kann. Aber wenn ich es weiß, kann ich meinen Mandelkern mit dem Frontalhirn bewusst ausschalten. Jedoch muss ich es immer wieder tun (Bsp. Hundephobie, aber die Abscheu vor den Hunden bleibt bis zum Tod). Menschen, die negative Mathematikerfahrungen haben, kommen aus der Mathematikabneigung nicht heraus.

    Ist es sinnvoll, dass Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache ihre Muttersprache in der Schule lernen?

    Spitzer: Die Meinung, dass die Kinder zuerst z.B. Türkisch lernen sollen, ist falsch. Richtig ist, sie sollen (in Kindergarten/Schule) möglichst früh und gut Deutsch lernen. Denn Deutsch brauchen sie hier! Daher so früh wie möglich. Nicht mit Zwang, aber mit Argumenten und dem Aufzeigen der Wirkungen. Die Spanier, die in den USA nicht von Anfang an Englisch lernen mussten, sondern in der Schule Spanisch reden konnten, sind heute unten durch.

    Ich habe als Lehrer nun dauernd mit Menschen zu tun, die leistungsfrustriert sind. Wie bringe ich denen wieder die Freude am Lernen?

    Spitzer: Mit positiven Emotionen an die Einsichtsfähigkeit appellieren, damit sie mit dem Frontalhirn agieren.

    KollegInnen investieren Stunden, um herauszufinden, welcher Lerntyp jemand ist, und jetzt gibt’s keine.

    Spitzer: Empirische Forschung ist gefragt - die gab es nicht, als Lerntypen eingeteilt wurden.

Homogene Klassen als Ideal?

    Spitzer: Aber was bedeutet das für die SchülerInnen und die LehrerInnen, a) in der Einteilungsphase b) während des Unterrichts? Der Lehrer meint, er hat die falschen Schüler, macht eh guten Unterricht. Während ein finnischer Lehrer weiß, er hat diese Kinder jetzt acht Jahre und hat genau diesen etwas beizubringen.

    Spitzer: Die Rahmenbedingungen haben sich geändert. Man kann nicht die Kinder um ein Uhr heimschicken, wenn die Eltern nicht zu Hause sind, denn dann sitzen die sinnlos vor dem Bildschirm. Tatsächlich brauchen sie Tätigkeiten, die alle Sinne anregen. Und zum Lernzeitpunkt: Am Nachmittag gibt es ein emotionales Hoch bei den Kindern, das ist eine gute Lernzeit. Nach dem Lernen gibt es einen Konsolidierungsprozess. Dieser wird aber von emotionalen Ereignissen gestört, z.B. wenn man am Nachmittag vor dem Computer sitzt.

In ihrem Buch „Die geheimen Spielregeln der Macht“ sagt Christine Bauer-Jelinek kurz

    zusammengefasst, dass die Gutmenschen draufzahlen. Die Autorin meint damit, dass die anderen die Gutmenschen ausnützen. Ist das so?

    Spitzer: 70% vertrauen darauf, dass der andere auch so reagiert wie ich, und ich vertraue ihm. Darauf beruhen das Zusammenleben und die Wirtschaft. Sonst möchte ich hier nicht mehr leben.

    Was raten Sie als Hirnforscher der Vorarlberger Gesamtschulgruppe? Welche Fehler soll sie nicht machen?

    Spitzer: Es gibt kein Patentrezept, aber: Sachlich argumentieren, auf die Angstmache der anderen nicht unsachlich reagieren. Die Wahrheit setzt sich durch, auch wenn’s manchmal lang dauert.

Macht das viele Wissen übers Gehirn nicht Angst?

    Spitzer: Es kann zwar ausgenutzt werden, aber auf Dauer wird sich mehr Wissen positiv auswirken.

    Kann das Mandelkernproblem auch schon auftreten, wenn ich gar nicht selbst die Erfahrungen gemacht habe? Reicht es, dass die anderen sagen, Mathematik ist entsetzlich, Latein ist ein Killerfach, Chemie versteht keiner, nie mehr Schule?

    Spitzer: Emotionen muss man schon selbst machen. Aber Lernen kann man auch durch immer wieder wiederholen. Und das macht z.B. die Werbung. England hat kürzlich die Nahrungsmittelwerbung für Kinder verboten. Das muss nachgemacht werden. Schlechtes für Kinder gehört verboten. Schulfächer haben einen unterschiedlichen Ruf, aber da gibt es auch Moden. Doch es entscheidet auf Dauer der Lehrer, wie die Kinder den Unterricht / das Fach erleben.

    ORF Vorarlberg berichtete am Do.4.10. in Vorarlberg heute (19 h) relativ ausführlich von diesem Referat Manfred Spitzers (vor dem ÖLI-UG/Kreidekreis-Transparent), und brachte auch Interviews mit ZuhörerInnen.

Spitzer-Referate gibt’s z.B. auf http://www.br-online.de/alpha/geistundgehirn/

    zum Herunterladen.

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