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Lyrikanalyse

By Amy Rice,2014-04-10 18:33
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Lyrikanalyse

    Lyrikanalyse

    Differenzqualitäten zwischen Standardsprache und poetischer Sprache Norm vs. Abweichung

    Mediale Bedingungen literarischer Kommunikation

    Kommunikationssituation: einsames Lesen, Rezitation in der Gruppe, Popkonzert...

    Poetic function (nach Roman Jakobson)

    Sprachfunktionen

     Referentielle Funktion: Informationsübermittlung

     Emotive Funktion: Orientierung auf Sprecher

     Imperative oder persuasive Funktion: Orientierung auf Empfänger (Beeinflussung) Phatische Funktion oder Kontaktfunktion: Aufrechterhaltung des Sprechkontakts Metasprachliche Funktion: Verständigung über Code (z.B. Klärung des Sinns einzelner

    verwendeter Begriffe)

     Poetische oder ästhetische Funktion: „Einstellung auf die Botschaft selber“ (Form der

    Mitteilung)

    Alle 6 Sprachfunktionen sind in jeder Sprachäußerung beteiligt, aber in unterschiedlicher Gewichtung in der Textlinguistik werden Textsorten nach der jeweils dominanten Sprachfunktion unterschieden (Ludwig 1994: 20)

    Selektion (paradigmatische Beziehung) + Kombination (syntagmatische Beziehung)

    linguistische Poetik

    Vgl. Schema Ludwig: 19 (Graphik von Dieter Wunderlich)

    Merkmale des poetischen Textes (nach Umberto Eco):

     Zweideutigkeit/produktive Ambiguität: mehrere Interpretationsmöglichkeiten

     Selbstreferentialität/Autoreflexivität

    Vgl. Schema Ludwig: 21 (Interpretationsmodell von Eco)

    Ausgeblendet bei Eco = Frage nach gesellschaftlicher Funktion von Lyrik: Inhalte,

    Gattungskonventionen... (nach Wellek/Warren: „extrinsic study of literature“)

    Gemeinsame Funktion mit z.B. Werbetexten = persuasive Funktion (den Leser für sich

    einnehmen, z.B. mit rhetorischen Mitteln)

    Bühlersches Organonmodell (1934): 3 Leistungen des Sprachzeichens:

     Ausdruck (Bezug zum Sender)

     Appell (Bezug auf den Empfänger)

     Darstellung (Bezug zu Gegenständen und Sachverhalten)

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    Problem des „lyrischen Ich“: realer Autor? Rolle des Ich-Sprechers innerhalb des Textes? In

    moderner Lyrik treten empirisches Ich und dichterisches Subjekt auseinander (Hugo Friedrich) Adressatenrolle (Du) innerhalb des Gedichts

    Möglich auch = „leere“ Kategorie (Abwesenheit eines lyrischen Ich)

    Für das Gedichtverständnis ist der Bezug auf den Autor nicht konstitutiv, sondern beliebt

    eine bloß fakultative Möglichkeit, und eben darin weist sich das Gedicht als poetisches

    Gebilde aus. (Spinner, zit. Ludwig 1994: 25)

    Darin besteht der fiktionale Charakter des lyrischen Ich: wie im Theater ein fiktiver

    Bühnenraum aufgebaut wird und im Roman ein eigenes fiktives Bezugssystem, so treten

    auch in der Lyrik die Zusammenhänge mit der realen Kommunikationssituation zurück

    zugunsten der poetischen Eigenstruktur. Zwar kann lyrische Aussage auf tatsächlich

    Geschehenes, Erlebtes zurückzuführen sein, aber dieser Bezug wird aufgehoben in der

    ästhetisch-fiktionalen Struktur des Gedichts, so dass die Bedeutung der Sprache sich

    wesentlich am Eigenzusammenhang des dichterischen Textes ausrichtet. (Spinner, zit.

    Ludwig 1994: 26)

    Schema Ludwig 1994: 27: Kommunikationssituation des lyrischen Textes

    Ästhetische Qualität/Kunstcharakter von Lyrik

    Frage nach Poetizität:

    Ziel der Werkanalyse bloßer Katalog verwendeter Elemente (Schemata, Formen, Figuren) Russische Formalisten: Viktor Šklovskij: poetische Sprache „verfremdet“ die automatisierte Wahrnehmung der Dinge, der Wahrnehmungsprozess sei in der Kunst Selbstzweck und müsse verlängert werden, Kunst = Mittel, um das Machen einer Sache zu erleben (vgl. Ludwig 1994: 30f.)

    Prager Strukturalismus: Jan Mukařovský: poetische Sprache = Verletzung der Standardsprache, die sie voraussetzt.

    Manfred Bierwisch: P-Modell: (vgl. Ludwig 1994: 31ff.)

    System „G“ (Alltagssprache) = Gesamtheit von Kategorien und Relationen, die in einem

    Satz enthalten sind. Jeder Sprecher einer Sprache kann auf Grund seiner linguistischen

    Kompetenz Urteile über die Grammatikalität eines Satzes in dieser Sprache fällen.

    System „P“ (poetische Sprache): auf Basis linguistischer Strukturen werden poetische

    Strukturen generiert, z.B. Vers, Reim, Alliteration etc. Diese zu erkennen setzt poetische

    Kompetenz voraus. Sekundäre („parasitäre“) Ausnutzung linguistischer Strukturen. Sätze

    könnten nach dem Grad ihrer Poetizität geordnet werden.

    Deviationsmodell (stiltheoretischer Ansatz): Schema von Norm und stilistisch wirksamer Abweichung von dieser Norm, Frage nach Akzeptabilität einer Äußerung

    Kritik daran: Eugenio Coseriu:

    Dichtung Abweichung, sondern volle Ausschöpfung der Möglichkeiten der Sprache,

    Alltagssprache = reduzierter Gebrauch

    interplay“ (Wimsatt und Beardsley): Zusammenspiel verschiedener Organisationsprinzipien oder Teilstrukturen, wie z.B. Metrum mit anderen Elementen wie Klangtechnik, poetische Syntax, Bildlichkeit etc. mehrgliedriges Untersuchungsverfahren; nicht bloß Vorhandensein bestimmter isolierter Eigenschaften soll konstatiert werden, sondern deren Zusammenwirken

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    Verslehre

    Metrische Theorie = Voraussetzung der Versanalyse

    Metrum = invariables Ordnungsprinzip

    Senkung Hebung: Jambus, Trochäus, Anapäst, Daktylus; Spondeus, Amphibrach

     Quantitatives System (Antike)

     Akzentuierendes System (germanisch): syllabotonisch: definiert = Silbenzahl pro Vers,

    Zahl und Lage von Hebungen und Senkungen pro Vers (z.B. jambischer Fünfheber)

     Silbenzählendes System (romanisch)

    Dazu suprasegmentale Phoneme:

     Akzent (stress, acento)

     Intonationsverlauf (pitch)

     Junktur, Phrasenbildung, Zäsurierung (juncture)

    „Das Metrum ist ein Gitter, durch das hindurch poetische Texte wahrgenommen werden

    (Ludwig 1994: 47)

    Metrum = Stilisierung der Akzentfolge der natürlichen Rede

    Als poetische Normen sind sie selbst dem historischen Wandel unterworfen! (z.B. Alexandriner, mit oder ohne Zäsur), Versbauplan als abstrakte Norm, aber Spielraum der Realisierung Notation: („timers vs. stressers“)

     mit Längen _ und Kürzen

     mit Akzent versehenes x für betonte Silben

    Rezitation ist wieder eine andere Sache!

    Sprachliche Betonung und metrische Hebung müssen nicht zusammenfallen („Versfüllung“)!

    „Tonbeugung“; gerade diese Abweichungen können interessant sein

    Metrisches Gitter vs. Akzentverteilung

    - Übereinstimmung von Hebung und Akzent

    - Metrische Hebungen durch Akzente erfüllt, zusätzliche Akzente auf Senkungsposition - Akzente auf Senkungsstellen, Hebungen teilweise akzentlos (Akzentumsprung, „stress shift“, trochäische Inversion oder „ionic foot“)

    Kann man durch „vertikale Statistik“ feststellen

    Metrische Gliederung vs. syntaktische Gliederung

    Wort-, Phrasen- und Satzgliederung

    Einsilbige Wörter

    Elision

    Ausgleich zwischen der vorgeschriebenen Zahl metrischer Silbenpositionen einerseits und der tatsächlichen Silbenzahl der realisierten Verszeile andererseits:

     Synkope

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     Apokope

     Synärese

     Synizese

     Proklise

     Synklise

     Enklise

     Kontraktion

     Synaloephe

    Gegenteil = klingende Silben, die in normaler Prosarede stumm sind Verfahren des „prosodic bookkeeping“

    Enjambement

    Widerstreit zwischen Versgrenzen und syntaktischer Gliederung der Rede End-stopped lines vs. run-on lines (Enjambement)

    Der in den nächsten Vers verwiesene Satzteil wird frz. rejet genannt

    Lässt man umgekehrt einen neuen Satz kurz vor dem Versende beginnen (Hauptteil des Satzes in

    nächster Zeile), so spricht man von contre-rejet

    Versfuge kann auch durch gebrochene oder gespaltene Reime, „unbedeutende Reimwörter“ bzw.

    inhaltliche Elemente geschwächt werden

    Beispiel: Rilke: „Liebes-Lied“:

    Wie soll ich meine Seele halten, dass

    sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie

    hinheben über dich zu andern Dingen?

    Ach gerne möchte ich sie bei irgendwas

    Verlorenem im Dunkel unterbringen

    an einer fremden stillen Stelle, die

    nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. (zit. Ludwig 1994: 63)

    Zäsur

    Klassische Metrik:

    Zäsur = Einschnitt innerhalb eines Versfußes

    Diärese: Versfußgrenze fällt mit Einschnitt zusammen Moderne Systeme:

    Zäsur = im metrischen Schema vorgeschriebene Einschnitte (z.B. Alexandriner: zwölfsilbiger

    Vers mit Zäsur nach 3. Hebung)

    Strophik

    Einfach gereiht (stichisch) vs. strophisch (dazwischen Reimpaare) Strophe = Zwischenstufe zwischen einzelnem Vers und gesamtem Gedicht Dazwischen gibt es auch Strophenenjambement

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    Freivers Freie Rhythmen

    Freie Verse lösen sich zwar von den Zwängen eines festen metrischen Schemas, sind jedoch nicht regellos. Loslösung von als zu starr empfundenen metrischen Konventionen Wichtigstes Ordnungsprinzip = Verszeile

    Unterstützung durch:

     Syntaktische Mittel: Phrasenlänge, Satzlänge, Inversionen...

     Rhetorische Mittel: Wiederholungsfiguren, Parallelismen...

     Klangliche Mittel: alliterative und assonantische Muster, quantitative Verhältnisse

    (Verhältnis von Lang- und Kurzvokalen, Konsonantenhäufung...)

    

    Klangbeziehungen

    Strukturen und Beziehungen, die durch Phonemrekurrenzen gebildet werden: Reim

    Parallelismus

    Verhältnis von Klangbeziehungen zu Sinnbeziehungen

    Klangbeziehungen als Parallelismus

    Metrum/Rhythmus + Netz von Klangbeziehungen = sound stratum oder phonetic stratum (sinnlich

    fassbare Klangschicht des Sprachkunstwerks)

    Nur selten Wörter als reine Klangträger ohne Sinn (nonsense verse)

    Unterschiedliche Beziehungen zwischen Funktion des Wortes als Sinnträger und Klangträger, manchmal tritt Klangfunktion völlig hinter semantischer und syntaktischer Funktion zurück Klangfiguren ;;Wiederholung vergleichbarer Elemente (strukturbildend)

    Spannungen zwischen angemessenem Sinn und angemessenem Klang, fallen nur in Onomatopoiie zusammen

    Versuche, dem Wortklang a priori bestimmte Ausdrucksvalenzen zuzuschreiben (dunkle Vokale Trauer, helle Vokale Freude ...) zum Scheitern verurteilt, doch im Einzelgedicht durchaus möglich

    Endreim

    Definition: Gleichlaut (Phonemübereinstimmung) vom letzten betonten Vokal an Einsilbige, zweisilbige und gelegentlich auch drei- und mehrsilbige Reime:

    Touch her not scournfully;

    Think of her mournfully,

    Gently and humanely;

    Not of the stains of her,

    All that remains of her

    Now is pure womanly. (Thomas Hood: „The Bridge of Sighs“)

    Reimvorschriften = zeitabhängig

    z.B. identischer Reim: lange Zeit Kunstfehler

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    rührender Reim (rime riche): Reime zwischen phonetisch völlig gleichlautenden, aber

    bedeutungsverschiedenen Wörtern: Wirt wird, Rain rein, Häute heute (gilt im Dt.

    als fehlerhaft, in den romanischen Sprachen nicht)

    Bei Beurteilung der Reinheit eines Reimes ist historischer Lautstand zu Grunde zu legen! z.B. Goethe (nimmt Verhältnisse eines Dialekts):

    Ach, neige,

    Du Schmerzensreiche,

    Dein Antlitz gnädig meiner Not! (Faust I)

    Auch Vermeiden des Endreims z.B. bei den Symbolisten, Modernisten oder bewusste Störung des reinen Reims

    Klassifizierung von Reimen

    Nach Silbenzahl:

     einsilbige Reime (männliche Reime)

     zweisilbige Reime (weibliche Reime)

     dreisilbige Reime

    Nach „Fülle“ des Reims:

     rührender Reim (rime riche): Gleichklang von mehr Lauten als in der Reimdefinition

    festgelegt: z.B. Blut/Flut, Brunnen/gerunnen

     identischer Reim: die selbe Lautung noch einmal

     grammatischer Reim: Verwendung zweier grammatisch unterschiedlicher Formen

    desselben Stammes (polyptoton):

    Beispiel Rilke: „Todes-Erfahrung“:

    ...tragischer Klage wunderlich entstellt.

    Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.

    Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,

    spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

     Homophoner/paronomastischer Reim: gleichlautende, aber bedeutungsmäßig

    unterschiedenen Reimwörter, z.B. engl. Sease/Seas, Ruth/ruth

     Gleichklang von weniger Lauten:

    o Leichter Reim (rimes faibles): Reim zwischen betonten und unbetonten Silben, z.B.

    engl. Eternally/thou shall die (John Donne: Holy Sonnets, 6)

    o Halbreim: bewusste Vermeidung des vollkommenen Reims:

    ; Assonanz: Übereinstimmung der Vokale, Ungleichheit der Konsonanten

    ; Konsonanz: Übereinstimmung der Konsonanten, Ungleichheit der

    Vokale, z.B. engl. Star/stir, tall/toil (Wilfried Owen), man/mine (Dylan

    Thomas)

    Nach Aufteilung der Reimsilben:

     Gespaltene Reime: Aufteilung des Reims auf mehrere Wörter, z.B. engl. Stains of

    her/remains of her

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     Gebrochene Reime: Teilung eines Wortes durch den Reim:

    Jeder weiß, was so ein Mai-

    käfer für ein Vogel sei (Wilhelm Busch: Max und Moritz)

    Nach Reimstellung/Abfolge der Reime:

     Gehäufter Reim, fortgesetzter Reim: aaaa bbbb usw.

     Paarreim: aa bb cc usw.

     Kreuzreim: abab cdcd

     Verschränkter Reim (umschlingender, umarmender Reim): abba cddc

     Schweifreim: aabccb: z.B. Claudius: „Abendlied“:

    Der Mond ist aufgegangen,

    Die goldnen Sternlein prangen

    Am Himmel hell und klar;

    Der Wald steht schwarz und schweiget,

    Und aus den Wiesen steiget

    Der weiße Nebel wunderbar.

    Verstärkte Reimbindungen:

     Binnenreim, Schlagreim, Sonderfall Halbversreim (Zäsurreim)

    Funktion des Reims

    Wichtigste formale Funktion des Reims = Markierung des Versendes (bzw. der Zäsur), bei strophisch gegliederten Gedichten: Markierung der Strophengliederung z.B. Indikator des Sonett-Typs

    Die zeilentrennende Funktion des Reims widerstreitet mit der zeilenverbindenen Funktion des

    Enjambements. Schwächung des Reims durch Verwendung „unbedeutender Reimwörter“

    Verhältnis von Klang und Bedeutung im Reim: Klangbeziehungen setzen zugleich Sinnbeziehungen (semantische Funktion des Reims).

    Jurij M. Lotmann: dialektisches Verhältnis; auch das Phonem wird zum Träger lexikalischer Bedeutung (sonst Wort = kleinste Einheit)

    Andere Klangbindungen

    Reim = nur eine typische Form der Klangbindung: Andere = Alliteration Zeitbedingt!

    Funktionen von Klanbeziehungen

    Schema Ludwig 1994: 92f., 94

    Figuren der Wortwiederholung (rhetorische Figuren)

     ausschließliches Charakteristikum der Lyrik, sondern kommen auch in Prosa und Dramatik vor

    Nicht zwingend vorgeschrieben, aber doch nicht funktionslos. Z.B. Wortwiederholung (geminatio): [VW-Werbung] „Er läuft und läuft und läuft“, „My love is like a red, red

    rose“ (Burns) Form der Sprachäußerung verändert den Inhalt, Form selbst wird zum Bedeutungsträger (emotiv eingefärbt), geht unaufhebbare Einheit ein

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    Sog. „ornatus“ bloße Ausschmückung, „Luxus der Rede“, keine Trennung von Inhalt und Ausdruck

    Stilistisches Detail erhält erst im Kontext seine spezifische Bedeutung! Klassische Rhetorik gibt Klassifizierungsraster, das mehr ist als eine bloße Liste von termini technici.

    Schema der Wortwiederholungen

    Wörtliche Wiederholung

     Geminatio/Epanalepse:

    Röslein, Röslein, Röslein rot,

    Röslein auf der Heiden. (Goethe: „Heidenröslein“)

     Reduplikatio/Anadiplosis: Wiederaufnahme eines Wortes oder einer Wortgruppe am Ende

    eines syntaktischen oder metrischen Abschnitts unmittelbar zu Beginn des folgenden Gradatio/Klimax: Mehrfache Fortführung der reduplicatio über 3 und mehr Glieder in

    steigerndem Sinn

     Redditio/Kyklos/framing: Einrahmung einer Wortgruppe/Phrase/Satz/Vers durch dasselbe

    Anfangs- und Endglied

     Anapher: Wiederholung als parallele Anfangsmarkierung

     Epipher: Wiederholung als parallele Schlussmarkierung

     Complexio/Symploke: Kombination von Anfangs- und Schlussmarkierung, von Anapher

    und Epipher, z.B.:

    “Alles geben die Götter, die unendlichen,

    Ihren Lieblingen ganz,

    Alle Freuden, die unendlichen,

    Alle Schmerzen, die unendlichen, ganz”

     (Goethe, “Aus einem Brief an Gräfin Auguste zu Stolberg“)

    Wiederholung unter Variation der wiederholten Glieder

     Wortspiel/Paronomasie/Annominatio: durch teilweise Änderung der Wortform in der

    Wiederholung entsteht ein Bedeutungskontrast (Pseudo-Etymologie): piece/peace,

    poor/pure

     Polyptoton/Metabole: Sonderfall der Paronomasie, die in der Änderung der Wortform durch

    Flexion besteht:

    „I am to wait, though waiting so be hell“ (Shakespeare, Sonnets, 58)

     Figura etymologica: Wiederholung zweier Wörter desselben Stamms

    Funktionen der Wiederholungsfiguren

    Emotive Einfärbung der Sprachäußerung, Verweis auf besondere Sinnbeziehungen (Antithese, Paradox, Ironie), gliedernde, strukturierende Funktion

    Poetische Syntax

    Abweichungen von der Normalsyntax, gehört z.T. auch zu den rhetorischen Figuren

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    Parallelität in der Anordnung der Satzglieder bzw. ganzer Sätze Parallelismus

     Chiasmus: Umkehrung, Überkreuzstellung

    Verknüpfung von Sätzen und Satzgliedern

     Asyndeton

     Polysyndeton

    Abweichungen von der regulären Anordnung der Satzglieder

     Einfache Inversion: „Hänschen klein ging allein...“

     Großräumigere Inversionen:

    Der himmlischen, still wiederklingenden,

    Der ruhigwandelnden Töne voll,

    Und gelüftet ist der altgebaute,

    Seeliggewohnte Saal; ...

     (Hölderlin, „Friedensfeier“)

     Hyperbaton: Gewaltsame Auf- und Unterbrechung der Reihenfolge der Glieder im Satz,

    Sperrstellung syntaktisch zusammengehöriger Teile durch eingeschobene syntaktische Glieder,

    z.B. durch Parenthese, Anredeformen:

    Wie die Löwin, hast du geklagt,

    O Mutter, da du sie,

    Natur, die Kinder verloren.

    Denn es stahl sie, Allzuliebende, dir

    Dein Feind,...

     (Hölderlin, „Friedensfeier“)

    Reduktion von Sätzen durch Auslassung

     Ellipse: Aussparung syntaktisch wichtiger Satzglieder

     Aposiopese: Abbruch der Rede, z.B. am emotionalen Höhepunkt

     Zeugma: Ein Satzglied bezieht sich gleichzeitig auf mehrere andere

    Auch im Bereich der Syntax gibt es viele historische und wandelbare Konventionen, z.B. 19. Jahrhundert eher elaboration, 20. Jh. eher fragmentation, auch fused structures = Wortgruppen, die in

    ihrer syntaktischen Struktur mehrdeutig sind. In der Moderne viele Versuche, die festgefahrene, elaborierte Dichtersprache des Spätviktorianismus zu überwinden (vgl. Ludwig 1994: 131)

    Funktion der poetischen Syntax

    Unterschiede in der Syntax der Verssprache und der Prosa: Hinweise auf Zwänge von Reim und Metrum reichen nicht, ebenso wenig wie Verweis auf Rhythmus.

    Wolfgang Kayser versucht eine Erklärung mit dem Begriff „Überschuss an Bedeutung“, z.B.

    vorangestellter Genitiv (in verschiedenen Nationalliteraturen): „die Satzglieder funktionieren jetzt nicht mehr als bloße Teile eines Satzes, das heißt Sachverhaltes, sondern der Satzzusammenhang ermöglicht den Satzteilen besondere Wirkungen.“ (zit. Ludwig 1994:133)

    Roman Jakobson: „Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie“ 1961

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    Bildlichkeit in der Dichtung

    Lyrik = „meter and metaphor“ (Max Eastman)

    Metapher = „Herübertragen vom einen zum anderen nach der Ähnlichkeit“ (Hermann Pongs, zit. Ludwig 1994: 149)

    Seine Unterscheidung Metapher vs. Bild:

    Metapher stellte sich dar als Namensübertragung nach der Analogie, Bild als ins

    Wortbildbringen eines Urbilds, eines Erlebens der Seele. (zit. Ludwig 1994: 150) Cleanth Brooks (new criticism): Sprache der Dichtung durch Paradoxie gekennzeichnet, Zeichen der dynamischen Einheit von Unvereinbarem. Metapher ist demnach Paradoxie par excellence, da

    sie weder reine Illustration noch bloßes Ornament, typisches Mittel der Fusion von Form und Inhalt ist. Mitbedeutungen spielen eben so große Rolle wie Hauptbedeutungen. Dichter muss mit Analogien arbeiten, mit nicht-eindeutigen Bezeichnungen

    „Bild“ = zusammenfassender Begriff sowohl für Metaphern wie für Vergleiche; wichtig ist Inhalt

    der Bilder, die damit assoziiert werden, nicht die Art, wie sie eingeblendet werden.

    Sinnliche Qualität! (muss nicht nur visuell sein)

    Das moderne Gedicht sucht sich durch Sprache selbst. Symbol, Metapher, etc. = zu vorgefertigt

    Tropen

    Metapher, Metonymie, Synekdoche etc.

    Definition:

    Tropus = „uneigentliche Redeweise“ (die von ihrer natürlichen und ursprünglichen Bedeutung

    auf eine andere übertragen ist), eine Wendung wird statt in wörtlichem Sinn in

    übertragenem Sinn verwendet: „Substitutionstheorie“ = über Jahrhunderte dominantes

    Erklärungsmodell, inzwischen wurde dem heftig widersprochen

    Quintilian: Metapher als „verkürzter Vergleich“ (Zitat in Ludwig 1994: 158f.), tertium comparationis

    Man spricht von „Sachhälfte“, „Bildempfänger“ und „Bildhälfte

    Harald Weinrich: „Semantik der Metapher“: Metapher kann nie aus ihrem Kontext heraus isoliert

    werden: „Wort und Kontext machen zusammen die Metapher“ (zit. Ludwig 1994: 162)

     man muss Metaphern mit Mitteln der Textsemantik untersuchen, nicht auf Wortebene!

    Er führt den Begriff des „Bildfeldes“ ein (z.B. Landschaft als Ausdruck der seelischen

    Stimmung bei Verlaine). So ein Bildfeld = Verbindung zweier Wortfelder. Er führt auch

    den Begriff der „Bildspanne“ ein (= Abstand der Metaphernglieder), Spannung zwischen

    ursprünglicher Wortbedeutung und vom Kontext erzwungenen unerwarteten neuen Beim Rezipienten muss ein „metaphorisches Bewusstsein“ vorhanden sein, ein Bewusstsein der

    doppelten Bedeutung, sonst kommt es nicht zum vollen Verständnis.

    „Poetische Texte können geradezu dadurch definiert werden, dass sie die Bewusstseinslage der doppelten Bedeutung wiederherstellen und wahren.“ (Gerhard Kurz, zit. Ludwig 1994: 167) Auch in empirischen Studien zeigte sich, dass die Metaphorizität von Texten an 1. Stelle als Kennzeichen von herausgehobenem literarischem Stil wahrgenommen wird.

    Vergleich/Simile

    2 Sachverhalte werden einander über ein „drittes“ zugeordnet; dabei ist das „tertium comparationis“ entweder explizit ausgesagt oder implizit enthalten.

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