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3 Allgemeine Biologiedidaktik

By Sam Peters,2014-06-02 23:28
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3 Allgemeine Biologiedidaktik

    Lehrstuhl Prof.em. Dr. rer. nat. Eberhard G. SCHMIDT Universität Essen, FB 9:

    Grundvorlesung BIOLOGIEDIDAKTIK, Bearbeitungsstand vom 20.1.2001

    Kap. 2, Ziele BU

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    2 Ziele des Biologieunterrichts

    2.1 Begriff und Taxonomien

    2.1.1 Unterrichtsziele als die Axiome des (Biologie-) Unterrichts

    Die Schule ist eine Bildungseinrichtung mit staatlich fixiertem Bildungsauftrag. Er ist in den Zielsetzungen festgelegt. Diese Ziele lassen sich nicht objektiv herleiten, sondern sind Vorgaben, so wie die Axiome in der Mathematik (als gesetzte Grundannahmen, aus denen nach den Regeln des logischen Schließens das Gefüge der mathematischen Sätze und Aussagen abgeleitet werden). Eine der wesentlichen Aufgaben der didaktischen Diskussion ist es, die jeweils vorgegebenen Ziele zu aktualisieren, somit zu hinterfragen, zu ergänzen oder zu modifizieren (vgl. STAECK

    1979).

    Der Bildungsauftrag der Schule umfaßt dabei nicht nur Fragen der Inhalte, ihrer Auswahl und Anordnung, sondern auch die Formen der Erkenntnisgewinnung und die Unterrichts-Prinzipien. Bildung bedeutet im Kern Verständnis und Verstehen von Zusammenhängen, das Bedenken der Vernetzungen bei Eingriffen an einer Stelle und ihrer Auswirkung an ganz anderer Stelle, das Abwägen und Gewichten konkurrierender Vorstellungen. Bildung ist damit das Gegenteil von Faktenwissen, muß aber am konkreten Beispiel erfahren werden.

    Dieser Bildungsauftrag der Schule ist auch mit dem Erziehungsauftrag verzahnt. Dabei geht es im Kern um die soziale Verantwortung des Menschen und um den Aspekt der Nachhaltigkeit. Es sollen die Einstellungen/ Geisteshaltungen, Wertevorstellung (Ethik) und ihre Umsetzung in Handlungen (Moral), die in einem freiheitlich-demokratisch/ liberalen (pluralistisch-toleranten) Gemeinwesen (von der Familie bis zum Staat) für das geordnete Zusammenleben unerläßlich sind, den Schülern als Grundwerte vermittelt, gestärkt und gefestigt werden. Dabei geht es vor allem um Verantwortung für die Folgen des eigenen Wollens und Tuns, also um Mündigkeit, und damit um Einschränkungen des vordergründigen Egoismus (Lustmaximierung/ Vorteilnahme zu Lasten anderer) zugunsten der Nachhaltigkeit und des Gemeinsinns.

    Das wurde klassisch in dem lateinischen Spruch zusammengefaßt:

    Quidquid agis, prudenter agas et respice finem!

    Das heißt:

    Was auch immer Du tust, handle weise und bedenke die Folgen!

    Das entspricht dem KANT’schen Kategorischen Imperativ (als absolute Forderung

    der Vernunft in der „Praktischen Philosophie“ [= Ethik], 1785, 1788; KANT 1724-1804,

    Transzendental-Philosoph aus und in Königsberg, Professor seit 1770): „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer

    allgemeinen Gesetzgebung gelten können“

    Kinder lernen das (vereinfacht) mit dem Spruch:

    „Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu!“

    Lehrstuhl Prof.em. Dr. rer. nat. Eberhard G. SCHMIDT Universität Essen, FB 9:

    Grundvorlesung BIOLOGIEDIDAKTIK, Bearbeitungsstand vom 20.1.2001

    Kap. 2, Ziele BU

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    Hinzu kommen das Menschenbild und das naturwissenschaftliche (hier biologische) Weltbild, die erkenntnistheoretische Diskussion der naturwissenschaftlichen Aussagen unter Achtung der Glaubensfreiheit (bzw. der Freiheit zum Atheismus).

    Bildung ist also auf den Erwachsenen, auf später gerichtet, muß aber dem Schüler als Kind und Jugendlichem, als Heranwachsendem, also in einem Lebensabschnitt vermittelt werden, in dem der Bildungswert noch nicht (voll) verständlich ist. Bildung muß daher immer auch altersgerecht vermittelt werden. Im Skript wird dabei vom Bezug auf den „Adressaten“ gesprochen, da nicht nur die Altersstufe, sondern auch die Schulart zu berücksichtigen ist. Diese Prinzipien der adressaten-gerechten Vermittlung sind mit dem Bildungsauftrag verzahnt und unterliegen ebenfalls axiomatischen Zielvorstellungen. Beide werden daher nicht strikt getrennt.

    Für eine Reihe von Zielen (wie dem Primat der Originalerfahrung im Biologieunterricht) hat sich mit der Zeit (Kap. 6) ein Konsens ergeben, andere stehen im Kontext des Zeitgeistes oder der politischen Meinungsbildung. Dafür ist zu sensibilisieren.

    Die Grundsätze der Bildungsziele und des Erziehungsauftrages werden mit diesem Skript in diesem Kapitel „Ziele“ als Leit- oder Richtziele zusammengefaßt und somit vorangestellt (nicht mehr in unterschiedliche Sachkapitel integriert). Diese Ziele gelten z.T. fächerübergreifend, z.T. sind sie spezifisch für den Biologieunterricht.

    Nach Klärung des Begriffes „Unterrichtsziele“ und der Ziel-Taxonomien sowie der Problematik

    „operationalisierter Unterrichtsziele werden die Richtlinien NRW als staatliche Vorgabe für die Lehrer des Landes herausgestellt, dann eine Reihe allgemeiner Leitziele des Biologieunterrichtes in Deutschland spezifiziert.

    Literatur:

    STAECK, L. (Hrsg.): Texte zur Didaktik der Biologie. Erziehung & Didaktik. Westermann, Braunschweig

    1979.

2.1.2 Zum Begriff Unterrichtsziele

    Die Unterscheidung in Lehrziele und in Lernziele differenziert nach den Positionen von Lehrer und Schüler. Es sind zwei Seiten derselben Medaille. Hier wird daher auf die Unterscheidung von Lehr- & Lernzielen nicht näher eingegangen, vielmehr wird (in Anlehnung an EKR 1996, S. 172) der Begriff Unterrichtsziel als Oberbegriff für alle

    Typen, Kategorien und Dimensionen von Zielen im BU verwendet.

    (Anm.: Dieses MS ist noch nicht auf die einheitliche Anwendung der Begriffe hin überprüft worden!).

    Beispiele für Lehrziele (auf Leitziel-Ebene) sind:

    ; Förderung der Kommunikationsfähigkeit, der Sozialisation (z.B. in Gruppenarbeit). ; Konzentration auf das Prinzipielle an ausgewählten Beispielen (als

    Methodenlernen oder nach den Kennzeichen des Lebendigen).

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    Kap. 2, Ziele BU

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oder (verändert nach SCHAEFER 1972, S.5/6):

     Aktualität des Stoffes: Aufbereitung der gegenwärtigen biologischen

    Informationsflut und Vorbereitung auf eine Zukunft wachsender biotechnischer

    Probleme.

     Komplexität des Denkens: Übung im Umgang mit Lebewesen als hochkomplexen

    Systemem, deren Verhalten sich von dem einfacher mechanischer Systeme meist

    erheblich unterscheidet

     Formensehen: Öffnung des Blickes für biologische Gestalten und Strukturen.

    Natur „Sehen lernen“ als wirksames Training für eine empirische Grundhaltung. Objektivität: Saubere Trennung von naturwissen-schaftlich-objektivem und

    erlebnismäßig-subjektivem „Verstehens“ von Lebewesen/Natur mit situations-

    gerechter Anwendung der beiden Blickrichtungen (bei SCHAEFER: Methodenbewußtsein:

    Kenntnis der kalkülisierenden und der introspektiven (hermeneutischen) Art des

    „Verstehens“ von Lebewesen; saubere Trennung und situationsgerechte Anwendung der

    beiden Methoden), ferner kritische Trennung von kausaler und finaler Begründung

     Fächerintegration: Biologie als „Konvergenzfach“ mit notwendig

    fächerverbindender Betrachtung am gemeinsamen Objekt (z.B. der Mensch) und

    mit gemeinsamen Begriffen (z.B. Energie, Information).

    Literatur:

    SCHAEFER, G.: Kybernetik & Biologie. Metzler, Stuttgart 1972.

2.1.3 Gliederung nach Zielebenen

    ; Leitziele: Sie repräsentieren die oberste Zielebene und umfassen die gesamte

    Erziehung/Schulbildung. Sie werden auch Funktionsziele, allgemeine oder

    Globalziele genannt.

    Die klassischen Bildungsziele gehören auch hierher, z.B.:

     Der für Beruf und Gesellschaft gebildete, selbständig denkende und handelnde

    Mensch;

     Erziehung zum Verantwortungsbewußtsein (heute oft mißverständlich „Erziehung

    zur Mündigkeit“ genannt, Mündigkeit ist aber nur das Einstehen für das eigene

    Tun, auch wenn es unverantwortlich ist);

     Erziehung zum Demokraten,

     Erziehung zum naturwissenschaftlichen Denken (Kap. 2.4).

    ; Richtziele: umfassen breite Lerngebiete (z.B. die Humanbiologie in der S I), ; Grobziele: umfassen Teilthemen (z.B. die Verdauung des Menschen), ; Feinziele: sie beziehen sich auf einzelne Lernschritte (z.B. die Funktion des Magens).

    Eine genaue Ranghöhe der Zielebenen ist jedoch allgemein nicht festzulegen oder abzugrenzen, sie kann nur an einem konkreten Beispiel (hier für die Richt- bis Feinziel-Ebene nach Fakten aus der Humanbiologie) angegeben werden.

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    Kap. 2, Ziele BU

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    Leitziele können mehr die kognitive, die psycho-motorische oder die affektiv/soziale Dimension betreffen. Eine Reihe von Leitzielen werden am Ende dieses Kapitels ausgeführt. Hier werden einige Beispiele in Form der Prinzipien des Biologieunterrichts bzw. von Bildungszielen aufgezählt:

     Ethik des naturwissenschaftlichen Arbeitens

     Vermeiden von Sachfehlern bei der didaktischen Reduktion

     Individuelle Optimierung des Unterrichts

     Anknüpfen an der Erfahrungswelt der Adressaten (Schüler)

     Ausgang vom Anschaulichen

     Primat der Erfahrung (der Beobachtung, des Untersuchens, des Experiments) Anleitung zum selbständigen Arbeiten

     Das ganzheitlich/inklusive Denken in Zusammenhängen

     Das Prinzip des Exemplarischen

     Transfer auf den Alltag, Einordnen in größere Zusammenhänge Kritisches Hinterfragen der Ergebnisse und Deutungen

     Die staatsbürgerliche Bildung/Erziehung

     Der fächerübergreifend orientierte Biologie-Unterricht

     Die Erziehung zur Verantwortung für

     den eigenen Körper (Gesundheit)

     den Partner und werdendes Leben (Sexualität)

     die intakte Umwelt

2.1.4 Ziel-Taxonomien

    Taxonomie bedeutet Klassifikation. Im engeren Sinne ist die Gliederung der Unterrichtsziele in 3 Kategorien oder Dimensionen und deren Untergliederungen gemeint.

    Schon PESTALOZZI (*1746 in Zürich, †1827) sah in der Erziehung und dem Lernen drei Kräfte zusammenwirken (vgl. BLÄTTNER 1966):

     die Kraft des Kopfes („Kopf“: Wissen, intellektuelle Bildung),