DOC

Trockendock

By Susan Hicks,2014-01-11 07:29
6 views 0
Trockendock

Stefan Andres

Das Trockendock. Anekdote

     Das erste Trockendock in Toulon, das gegen Ende des 18. Jahrhunderts von einem Ingenieur namens Grognard erbaut wurde, verdankte einer merkwürdigen Begebenheit seinen Ursprung. Ihr Schauplatz war das sich in diesem Hafen befindende Seearsenal, im eigentlichen Sinne aber das Gesicht eines Galeerensträflings, das Antlitz eines einen Augenblick für seine Freiheit verzweifelt hoffenden Menschen. Bevor es nämlich den von Grognard erbauten Wasserbehälter gab, der mit seinem steigenden Spiegel das Schiff in den freien Hafen hinausschob, war es Brauch, daß ein Galeerensträfling die letzten Hemmstützen des vom Stapel laufenden Schiffes, freilich unter großer Lebensgefahr, wegschlug, worauf dann im gleichen Augenblick der Koloß donnernd und mit funkenstiebendem Kiel ins Wasser schoß. Gelang es nun dem die Stützen fortschlagenden gefangenen Manne, nicht nur dem Schiff die erste Bewegung zu geben, sondern auch sich selber mit einem gedankenschnellen riesigen Satz aus der Nachbarschaft des herabrutschenden hölzernen Berges zu bringen, dann war er im gleichen Augenblick in seine Freiheit und in ein neues Leben gesprungen, gelang es ihm jedoch nicht, blieb von seinem Körper nichts übrig als eine schleimige Blutspur an den Planken droben und drunten.

     Der Ingenieur Grognard nun, der sich erstmalig zu einem solchen Stapellauf eingefunden hatte, ergötzte seine Augen an den festlichen Gästen auf den Tribünen und ließ, ganz den düsteren und ehernen Wundern des Arsenals hingegeben, den Silberknauf seines Stockes zu den immer neuen Märschen mehrerer Militärkapellen auf die hölzerne Balustrade fallen, wo er sich mit anderen Ehrengästen befand. Die Kommandos gingen in der Musik unter, gleichwohl bewegten sich die Arbeiter, die freien sowohl wie die Sträflinge, des gewohnten Vorgangs kundig, mit Tauen und Ketten und Stangen hantierend, als hänge ein jeder an einem unsichtbaren Faden.

     Grognard hatte als Ehrengast einen der besten Plätze, er stand nämlich steuerbords dem Bug gerade gegenüber auf etwa fünfzig Schritt entfernt, und wiewohl er vom Hörensagen wußte, auf welch gefährliche Weise man das Schiff flottmachte und ins Wasser ließ, so hatte er sich, wie es dem Menschen eigentümlich ist, den Vorgang nicht aus den Worten in eine deutliche Vorstellung gehoben. Ja, er war sogar der allgemeinen Ansicht, daß es menschlich und gut sei, wenn ein verwirktes Leben durch einen kühnen Einsatz sich entweder für die Allgemeinheit nützlich verbrauche oder für sich selber neu beginnen könne.

     Nun aber, als plötzlich die Musik mit ihren in die Weite schreitenden Takten abbrach und nur ein dumpfer Wirbel kurz und knöchern hinterherrollte und dann auch noch verstummte, als alles getan und die Stützen bis auf die am Bug entfernt und die übrigen Arbeiter zurückkommandiert, die Matrosen aber an Bord waren, da kam ein einzelner Mann in seiner roten Jacke mit den schweren hufnagelbeschlagenen Schuhen über das Pflaster gegen das Schiff geschlürft. Er trug einen riesigen Zuschlaghammer in der Hand, der zuerst herabhing, dann, je näher der Mann dem schwarzen Schiffsbauch kam, sich zögernd hob und nun, als seine winzige Gestalt der Fregatte so nahe war, daß ihr gewölbter Rumpf ihn wie ein schwarzer Fittich überschattete, einmal pickend und pochend eine Stütze berührte, dann wieder in der Hand des Mannes auf dieselbe Weise herabhing. Es lag eine gefährliche Stille über der Fregatte und den Zuschauern, und Grognard bemerkte, daß er zitterte und mit dem Silberknauf seines Stockes die vorsichtig antastende Bewegung des Zuschlaghammers mitgetan hatte. Ob es dieses winzige Geräusch seines Stockes oder einfach der Zufall bewirkt hatte, der Sträfling wandte sich kurz um, Grognard konnte die Nummer an der grünfarbigen

Mütze des lebenslänglich Verurteilten lesen es war die Nummer 3222 und zugleich mit

    der Zahl und wie durch sie hindurch sah er das kurze Lächeln, in welchem der Sträfling seine Zähne entblößte und einmal kurz die Augen verdrehte, als verschlinge er damit Schiff, Zuschauer, Mauern und Himmel zugleich in einer gierigen Bewegung. Dann kehrte er sich ab mit einem Ruck, so als könne die Fregatte etwa hinter ihm arglistig ohne sein Zutun entronnen sein, und jetzt dem Schiff zugewandt, blieb er einen Atemzug lang stehen, noch den Hammer gesenkt; dann hob er ihn langsam, es ging ein Stöhnen über den Platz, man wußte nicht, kam es aus dem ächzenden Gebälk des Schiffes oder den Rippen des Mannes, der zugleich zuschlug: einmal, zweimal, hin und her springend, gelenkig wie ein Wiesel und wild wie ein Stier und dreimal zuschlug und viermal (man zählte nicht mehr), das Schiff knackte, mischte seine erwachende Stimme, vom Hammer geweckt, darein, lauerte und da, als noch ein Schlag kam, sprang es mit einem Satz vor, und auch der Mann sprang, den Hammer wie ein Gerät des Entsetzens und zugleich wie eine Waffe der Abwehr gegen den Schiffsrumpf werfend, sprang, aber dann, da alles jäh aufschrie, blieb er stehen, wie ein Mensch im Traum, der nicht weiterkam und der Schiffsrumpf ging wie ein Hobel über ihn

    fort.

     Dieser Vorgang, der nur wenige Atemzüge lang gedauert hatte, löste einen allgemeinen, inbrünstigen Schrei aus, der hinter der Fregatte in einem wilden, ausgelassenen und teuflischen Jubel herschnob, über die blutige Spur fort, die alsbald einige Sträflinge mit Sand und Hobelspänen zu tilgen kamen.

     Auch Grognard hatte im allgemeinen Jubel einen Schrei getan und mit dem Schrei zugleich einen Schwur. Und dieser Schwur enthielt im ersten Augenblick seines Entstehens ein Bild in sich als Kern: nämlich das Bild des Trockendocks! Und als habe er gewußt, daß seine Lächerlichkeit damit besiegelt sei, wenn er die eigentliche Triebkraft zu diesem großen Plan enthüllte: er führte nur Beweggründe ins Feld, die den Fortschritt betrafen. Es begann nun ein Kampf mit den starrsinnigen Behörden, mit mißgünstigen Nebenbuhlern, und als trotz aller Widerstände das Werk gediehen war, von seinem Urheber mit einer Besessenheit, Umsicht und Ausdauer geleitet, die ihn für die Jahre des Baus allem menschlichen Umgang entzogen, geschah es, kurz nachdem das Werk dem Gebrauch übergeben worden war, daß der Urheber, der sich nun von jenem zwischen Hoffnung und Todesangst verzerrten Lächeln des Sträflings erlöst glaubte, von einem Galeerensträfling mit einem Hammer niedergeschlagen wurde, da er eben den Platz am Trockendock überschritt. Der Gefangene trug die grüne Wollmütze und schleppte seine Kette gemächlich hinter sich her. Als er dann dicht vor Grognard sich befand, der beim Anblick der Nummer wie über einer geheimnisvollen Zahl jäh erstarrte und das gefährliche Gesicht darunter übersah, schrie der Mensch, seinen Hammer schwingend: ?Das ist der Mann des Fortschritts, der uns den Weg zur Freiheit nahm! Zur Hölle mit dir!? Die herbeieilenden Wachen, die sich des Sterbenden annahmen, sahen, wie der noch einmal die Augen aufschlug und mit einer Stimme, die voller Verwunderung schien, lispelte: ?Oh, 3222, verzeih, ich habe mich geirrt!?

    Text nach dem Erstdruck in den ?Münchner Neuesten Nachrichten? vom 14.5.1936, Nr. 133, S. 5.

Report this document

For any questions or suggestions please email
cust-service@docsford.com