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Sofies Welt

By Clarence Arnold,2014-10-09 21:38
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Sofies Welt

Jostein Gaarder

    Sofies Welt

    Roman ??ber die Geschichte

    der Philosophie

    Aus dem Norwegischen von

    Gabriele Haefs

    Carl Hanser Verlag

    Dieses Buch h?tte niemals ohne Siri Dannevigs Aufmunterung entstehen k?nnen.

    Ich danke auch Maiken Ims, die das Manuskript gelesen und wertvolle Kommentare geliefert hat. Nicht zuletzt gilt mein Dank Trond Berg Eriksen f??r

    viele Jahre voller launiger Bemerkungen und solider fachlicher Unterst??tzung.

    Die ??bersetzung wurde von NORLA gef?rdert.

    Die Originalausgabe erschien 1991 unter dem Titel Sofies verden bei H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard) in Oslo.

    29 30 98 97 96 95 94

    ISBN 3-446-17347-1

    ? H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard), Oslo 1991

    Alle Rechte der deutschen Ausgabe

    ? Carl Hanser Verlag M??nchen Wien 1993

    Umschlag: Quint Buchholz

    Satz: Fotosatz Reinhard Amann, Aichstetten

    Druck und Bindung: Franz Spiegel Buch GmbH, Ulm

    Printed in Germany

    Wer nicht von dreitausend Jahren

    Sich wei? Rechenschaft zu geben,

    Bleib im Dunkeln unerfahren,

    Mag von Tag zu Tage leben.

    Johann Wolfgang Goethe

    Der Garten Eden

    ... schlie?lich und endlich mu?te doch

    irgendwann irgend etwas aus null und nichts

    entstanden sein...

    Sofie Amundsen war auf dem Heimweg von der Schule. Das erste St??ck war sie mit Jorunn zusammen gegangen. Sie hatten sich ??ber Roboter unterhalten. Jorunn hielt das menschliche Gehirn f??r einen komplizierten Computer. Sofie war sich nicht so sicher, ob sie da zustimmte. Ein Mensch mu?te doch mehr sein als eine Maschine?

    Beim Supermarkt hatten sie sich getrennt. Sofie wohnte am Ende eines ausgedehnten Viertels mit Einfamilienh?usern und hatte einen fast doppelt so langen Schulweg wie Jorunn. Ihr

    Haus schien am Ende der Welt zu liegen, denn hinter ihrem Garten gab es keine weiteren H?user mehr, nur noch Wald. Jetzt bog sie in den Kl?verveien ein. Ganz am Ende machte der eine scharfe Kurve, die ?Kapit?nskurve? genannt wurde. Menschen waren hier fast nur samstags und sonntags zu sehen. Es war einer der ersten Tage im Mai. In einigen G?rten bl??hten unter den Obstb?umen dichte Kr?nze von Osterglocken. Die Birken hatten d??nne Umh?nge aus gr??nem Flor. War es nicht seltsam, wie zu dieser Jahreszeit alles anfing zu wachsen und zu gedeihen? Woran lag es, da? Kilo um Kilo des gr??nen Pflanzenstoffes aus der leblosen Erde quellen konnte, sowie das Wetter warm wurde und die letzten Schneereste verschwunden waren?

    Sofie schaute in den Briefkasten, ehe sie das Gartentor ?ffnete. In der Regel gab es darin viel Reklamekram und einige gro?e Briefumschl?ge f??r ihre Mutter. Sofie legte dann immer einen dicken Stapel Post auf den K??chentisch, ehe sie auf ihr Zimmer ging, um ihre Aufgaben zu machen.

    An ihren Vater kamen nur manchmal Kontoausz??ge, aber er 7

    war schlie?lich auch kein normaler Vater. Sofies Vater war Kapit?n auf einem ?ltanker und fast das ganze Jahr unterwegs. Wenn er dann f??r einige Wochen nach Hause kam, latschte er nur in Pantoffeln im Haus herum und k??mmerte sich r??hrend um Sofie und ihre Mutter. Aber wenn er auf Reisen war, konnte er ziemlich fern wirken.

    Heute lag in dem gro?en gr??nen Briefkasten nur ein kleiner Brief - und der war f??r Sofie.

    ?Sofie Amundsen?, stand auf dem kleinen Briefumschlag ?Kl?verveien 3? Das war alles, kein Absender Der Brief hatte nicht einmal eine Briefmarke.

    Sowie Sofie das Tor hinter sich geschlossen hatte, ?ffnete sie den Briefumschlag Dann fand sie nur einen ziemlich kleinen Zettel, nicht gr??er als der dazugeh?rende Umschlag Auf dem Zettel stand Wer bist Du?

    Mehr nicht. Der Zettel enthielt keinen Gru? und keinen Absender, nur diese drei handgeschriebenen W?rter, auf die ein gro?es Fragezeichen folgte.

    Sie sah noch einmal den Briefumschlag an. Doch - der Brief war wirklich f??r sie Aber wer hatte ihn in den Briefkasten gesteckt? Sofie schlo? rasch die T??r des roten Hauses auf. Wie ??blich konnte die Katze Sherekan sich aus den B??schen schleichen, auf den Treppenabsatz springen und ins Haus schl??pfen, ehe Sofie die T??r hinter sich zugemacht hatte.

?Miez, Miez, Miez!?

    Wenn Sofies Mutter aus irgendeinem Grund sauer war, bezeichnete sie ihr Haus manchmal als Menagerie. Eine Menagerie war eine Sammlung verschiedener Tiere, und wirklich - Sofie war mit ihrer eigenen Sammlung recht zufrieden Zuerst hatte sie ein Glas mit den Goldfischen Goldl?ckchen, Rotk?ppchen und Schwarzer Peter bekommen Dann kamen die Wellensittiche Tom und Jerry, die Schildkr?te Govinda und schlie?lich noch die gelbbraune Tigerkatze Sherekan dazu. Alle Tiere sollten 8

    eine Art Entsch?digung sein, weil ihre Mutter sp?t Feierabend hatte und ihr Vater soviel in der Welt herumfuhr. Sofie warf die Schultasche in die Ecke und stellte Sherekan eine Schale mit Katzenfutter hin. Dann lie? sie sich mit dem geheimnisvollen Brief in der Hand auf einen K??chenhocker fallen.

    Wer bist Du ?

    Wenn sie das w??sste! Sie war nat??rlich Sofie Amundsen, aber wer war das? Das hatte sie noch nicht richtig herausgefunden. Wenn sie nun anders hie?e? Anne Knutsen zum Beispiel. W?re sie dann auch eine andere?

    Pl?tzlich fiel ihr ein, da? ihr Vater sie zuerst gern Synn?ve genannt h?tte. Sofie versuchte sich auszumalen, wie es w?re, wenn sie die Hand ausstreckte und sich als Synn?ve Amundsen vorstellte - aber nein, das ging nicht. Dabei stellte sich die ganze Zeit eine andere vor.

    Nun sprang sie vom Hocker und ging mit dem seltsamen Brief in der Hand ins Badezimmer. Sie stellte sich vor den Spie - gel und starrte sich in die Augen.

    ?Ich bin Sofie Amundsen?, sagte sie

    Das M?dchen im Spiegel schnitt als Antwort nicht einmal die kleinste Grimasse. Egal, was Sofie auch machte, sie machte genau dasselbe. Sofie versuchte, dem Spiegelbild mit einer blitzschnellen Bewegung zuvorzukommen, aber die andere war genauso schnell.

    ?Wer bist du?? fragte Sofie

    Auch jetzt bekam sie keine Antwort, aber f??r einen kurzen Moment wu?te sie einfach nicht, ob sie oder ihr Spiegelbild diese Frage gestellt hatte.

    Sofie dr??ckte den Zeigefinger auf die Nase im Spiegel und sagte:

    ?Du bist ich.?

    Als sie keine Antwort bekam, stellte sie den Satz auf den Kopf und sagte:

?Ich bin du. ?

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    Sofie Amundsen war mit ihrem Aussehen nie besonders zufrieden gewesen. Sie h?rte oft, da? sie sch?ne Mandelaugen h?tte, aber das sagten sie wohl nur, weil ihre Nase zu klein und ihr Mund etwas zu gro? war. Die Ohren sa?en au?erdem viel zu nah an den Augen. Am schlimmsten aber waren die glatten Haare, die sich einfach nicht legen lie?en. Manchmal strich der Vater ihr dar??ber und nannte sie ?das M?dchen mit den Flachshaaren ?, nach einer Komposition von Claude D??bussy. Der hatte gut reden, schlie?lich war er nicht dazu verurteilt, sein Leben lang schwarze, glatt herabh?ngende Haare zu haben. Bei Sofies Haaren halfen weder Spray noch Gel.

    Manchmal fand sie ihr Aussehen so seltsam, da? sie sich fragte, ob sie vielleicht eine Mi?geburt sein konnte. Ihre Mutter hatte jedenfalls von einer schwierigen Geburt erz?hlt. Aber entschied wirklich die Geburt, wie jemand aussah?

    War es nicht ein bi?chen komisch, da? sie nicht wu?te, wer sie war? Und war es nicht auch eine Zumutung, da? sie nicht ??ber ihr eigenes Aussehen bestimmen konnte? Das war ihr einfach in die Wiege gelegt worden. Ihre Freunde konnte sie vielleicht w?hlen, sich selber hatte sie aber nicht gew?hlt. Sie hatte sich nicht einmal daf??r entschieden, ein Mensch zu sein. Was war ein Mensch ?

    Sofie sah wieder das M?dchen im Spiegel an.

    ?Ich glaube, ich mache jetzt lieber meine Bio-Aufgaben?, sagte sie, fast, wie um sich zu entschuldigen. Im n?chsten Moment stand sie drau?en im Flur.

    Nein, ich gehe lieber in den Garten, dachte sie dort. ?Miez, Miez, Miez, Miez!?

    Sofie scheuchte die Katze hinaus auf die Treppe und schlo? hinter sich die T??r.

    Als sie mit dem geheimnisvollen Brief in der Hand drau?en auf dem Kiesweg stand, ??berkam sie pl?tzlich ein seltsames Gef??hl. Sie kam sich fast wie eine Puppe vor, die durch Zauberkraft lebendig geworden war.

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    War es nicht seltsam, da? sie auf der Welt war und in einem wunderlichen M?rchen herumlaufen konnte?

    Sherekan sprang elegant ??ber den Kiesweg und verschwand in den engstehenden Johannisbeerstr?uchern. Eine lebendige Katze, quicklebendig von den wei?en Schnurrhaaren bis zu dem peitschenden Schwanz ganz hinten am K?rper. Auch sie war im Garten, aber sie war sich dessen wohl kaum auf dieselbe

Weise bewu?t wie Sofie.

    Als Sofie eine Weile dar??ber nachgedacht hatte, da? sie existierte, mu?te sie auch daran denken, da? sie nicht immer hiersein w??rde.

    Ich bin jetzt auf der Welt, dachte sie. Aber eines Tages werde ich verschwunden sein.

    Gab es ein Leben nach dem Tod? Auch von dieser Frage hatte die Katze keine Ahnung.

    Vor gar nicht langer Zeit war Sofies Gro?mutter gestorben. Fast jeden Tag seit ??ber einem halben Jahr dachte Sofie daran, wie sehr sie sie vermi?te. War es nicht ungerecht, da? das Leben einmal ein Ende hatte?

    Sofie blieb gr??belnd auf dem Kiesweg stehen. Sie versuchte, besonders intensiv daran zu denken, da? sie existierte, um dabei zu vergessen, da? sie nicht immer hiersein w??rde. Aber das war ganz unm?glich. Sowie sie sich darauf konzentrierte, da? sie existierte, tauchte sofort auch ein Gedanke an das Ende des Lebens auf. Umgekehrt war es genauso: Erst wenn sie ganz stark empfand, da? sie eines Tages ganz verschwunden sein w??rde, ging ihr richtig auf, wie unendlich wertvoll das Leben war. Es war wie die beiden Seiten einer M??nze, einer M??nze, die sie immer wieder umdrehte. Und je gr??er und deutlicher die eine Seite der M??nze war, um so gr??er und deutlicher wurde auch die andere. Leben und Tod waren zwei Seiten derselben Sache.

    Man kann nicht erleben, da? man existiert, ohne auch zu erleben, da? man sterben mu?, dachte sie. Und es ist genauso unm?glich, dar??ber nachzudenken, da? man sterben mu?, 11

    ohne zugleich daran zu denken, wie phantastisch das Leben ist.

    Sofie fiel ein, da? ihre Gro?mutter an dem Tag, an dem sie von ihrer Krankheit erfahren hatte, etwas ?hnliches gesagt hatte. ?Erst jetzt begreife ich, wie reich das Leben ist?, hatte sie gesagt.

    War es nicht traurig, da? die meisten Leute erst krank werden mu?ten, ehe sie einsahen, wie sch?n das Leben war? Zumindest mu?ten sie offenbar einen geheimnisvollen Brief im

    Briefkasten finden.

    Vielleicht sollte sie nachsehen, ob noch mehr gekommen war? Sofie lief zum Tor und hob den gr??nen Deckel. Sie fuhr zusammen, als sie einen ganz identischen Briefumschlag entdeckte. Sie hatte doch nachgesehen, ob der Briefkasten wirklich leer war, als sie den ersten Brief herausgenommen hatte?

    Auch auf diesem Umschlag stand ihr Name. Sie ri? ihn auf und zog einen wei?en Zettel heraus, der genauso aussah wie der erste.

    Woher kommt die Welt? stand darauf.

    Keine Ahnung, dachte Sofie. So was wei? ja wohl niemand! Und trotzdem - Sofie fand diese Frage berechtigt. Zum ersten Mal in ihrem Leben dachte sie, da? es fast unm?glich war, auf einer Welt zu leben, ohne wenigstens zu fragen, woher sie stammte.

    Von den geheimnisvollen Briefen war Sofie so schwindlig geworden, da? sie beschlo?, sich in die H?hle zu setzen. Die H?hle war Sofies Geheimversteck. Hierhin kam sie nur, wenn sie sehr w??tend, sehr traurig oder sehr froh war. Heute war sie verwirrt.

    Das rote Haus stand mitten in einem gro?en Garten. Es gab hier viele Blumenbeete, Johannis- und Stachelbeerstr?ucher, verschiedene Obstb?ume, einen gro?en Rasen mit einer Hollywoodschaukel und sogar einen kleinen Pavillon, den Gro?vater

    f??r Gro?mutter gebaut hatte, als ihr erstes Kind nur wenige 12

    Wochen nach der Geburt gestorben war. Das arme kleine M?dchen hatte Marie gehei?en. Auf dem Grabstein stand: ?Klein Mariechen zu uns kam, gr???te nur und ging von dann'?. In einer Ecke des Gartens, noch hinter den Himbeerstr?uchern, stand ein dichtes Gestr??pp, das weder Bl??ten noch Beeren trug. Eigentlich war es eine alte Hecke, die die Grenze zum Wald bildete, aber da sich in den letzten zwanzig Jahren nie - mand mehr darum gek??mmert hatte, war sie zu einem undurchdringlichen Gestr??pp herangewachsen. Gro?mutter hatte erz?hlt, da? die Hecke im Krieg, als die H??hner frei im Garten herumliefen, den F??chsen die H??hnerjagd etwas schwerer gemacht hatte.

    F??r alle anderen war die alte Hecke genauso unn??tz wie die alten Kaninchenst?lle weiter vorn im Garten. Aber das lag nur daran, da? sie nichts von Sofies Geheimnis wu?ten. Solange Sofie sich erinnern konnte, hatte sie in der Hecke einen schmalen Durchgang gekannt. Wenn sie hindurchkroch, erreichte sie bald einen gro?en Hohlraum, das war ihre H?hle. Hier konnte sie ganz sicher sein, da? niemand sie finden w??rde. Mit den beiden Briefumschl?gen in der Hand lief Sofie durch den Garten und robbte dann auf allen vieren durch die Hecke. Die H?hle war so gro?, da? sie darin fast aufrecht stehen konnte, aber nun setzte sie sich auf einige dicke Wurzeln. Von hier aus konnte sie durch zwei winzig kleine L?cher zwischen

    Zweigen und Bl?ttern hinaussehen. Obwohl keines dieser L?cher gr??er war als ein F??nfkronenst??ck, hatte sie den ganzen Garten im Blick. Als sie klein war, hatte sie gern zugesehen, wie ihre Mutter oder ihr Vater zwischen den B?umen umherliefen und sie suchten.

    Sofie war der Garten immer schon wie eine eigene Welt vorgekommen. Jedesmal, wenn sie vom Garten Eden aus der

    Sch?pfungsgeschichte geh?rt hatte, hatte sie an die H?hle denken m??ssen und daran, wie es war, darin zu sitzen und ihr eigenes kleines Paradies zu betrachten.

    ?Woher kommt die Welt??

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    Nein, das wu?te sie wirklich nicht. Sofie wu?te nat??rlich, da? die Welt nur ein kleiner Planet im riesigen Weltraum war. Aber woher kam der Weltraum?

    Es war nat??rlich denkbar, da? der Weltraum immer schon dagewesen war; dann brauchte sie auch keine Antwort auf die

    Frage zu finden, woher er gekommen war. Aber konnte etwas denn ewig sein? Irgend etwas in ihr protestierte dagegen. Alles, was existiert, mu? doch einen Anfang haben. Also mu?te irgendwann der Weltraum aus etwas anderem entstanden sein. Aber wenn der Weltraum pl?tzlich aus etwas anderem entstanden war, dann mu?te dieses andere ebenfalls irgendwann

    aus etwas anderem entstanden sein. Sofie begriff, da? sie das Problem nur vor sich hergeschoben hatte. Schlie?lich und endlich mu?te irgendwann irgend etwas aus null und nichts entstanden sein. Aber war das m?glich? War diese Vorstellung

    nicht ebenso unm?glich wie die, da? es die Welt immer schon gegeben hatte?

    Im Religionsunterricht lernten sie, da? Gott die Welt erschaffen hatte, und Sofie versuchte jetzt, sich damit zufriedenzugeben, da? das trotz allem die beste L?sung f??r dieses Problem war. Aber dann fing sie wieder an zu denken. Sie konnte gern hinnehmen, da? Gott den Weltraum erschaffen hatte, aber was war mit Gott selber? Hatte er sich selbst aus null und nichts erschaffen? Wieder protestierte etwas in ihr. Obwohl Gott sicher alles m?gliche erschaffen konnte, konnte er sich ja wohl kaum selber schaffen, ehe er ein ?Selbst? hatte, mit dem er erschaffen konnte. Und dann gab es nur noch eine M?glichkeit: Gott gab es schon immer. Aber diese M?glichkeit hatte sie doch schon verworfen. Alles, was existierte, mu?te einen Anfang haben. ?Verflixt!?

    Wieder ?ffnete sie beide Briefumschl?ge.

    ?Wer bist Du??

?Woher kommt die Welt??

    Was f??r gemeine Fragen! Und woher kamen die beiden Briefe? Das war fast genauso geheimnisvoll.

    14

    Wer hatte Sofie aus dem Alltag gerissen und sie pl?tzlich mit den gro?en R?tseln des Universums konfrontiert?

    Zum dritten Mal ging Sofie zum Briefkasten.

    Erst jetzt hatte der Postbote die normale Post gebracht. Sofie fischte einen dicken Packen Werbung, Zeitungen und zwei Briefe an ihre Mutter heraus. Es gab auch eine Postkarte - mit dem Bild eines s??dlichen Strandes. Sie drehte die Karte um. Sie hatte norwegische Briefmarken und den Stempel ?UN-Regiment ?. Konnte die von ihrem Vater sein? Aber war der nicht ganz woanders? Und seine Handschrift war es auch nicht. Sofie sp??rte ihren Puls etwas schneller schlagen, als sie die Adresse auf der Karte las. ?Hilde M?11er Knag, c/o Sofie Amundsen, Kl?verveien 3...? Die ??brige Adresse stimmte. Auf der Karte stand:

    Liebe Hilde! Ich gratuliere Dir herzlich zum 15. Geburtstag. Du verstehst sicher, da? ich Dir ein Geschenk machen m?chte, an dem Du wachsen kannst. Verzeih, da? ich die Karte an Sofie schicke. So war es am leichtesten.

    Liebe Gr???e, Papa

    Sofie lief zum Haus zur??ck und st??rzte in die K??che. Sie sp??rte, da? ein Sturm in ihr tobte. Was war das nun wieder? Wer war diese Hilde, die einen guten Monat vor Sofies eigenem 15. Geburtstag f??nfzehn wurde?

    Sofie holte sich das Telefonbuch aus dem Flur. Viele darin hie?en M?11er, manche auch Knag. Aber im ganzen dicken Tele - fonbuch hie? kein Mensch M?11er Knag.

    Wieder musterte sie die geheimnisvolle Karte. Doch, echt war die schon, mit Briefmarke und Stempel.

    Warum aber schickte ein Vater eine Geburtstagskarte an Sofies Adresse, wenn sie doch ganz offenbar anderswohin geh?rte? Welcher Vater w??rde eine Postkarte auf Irrwege senden 15

    und damit seine Tochter um ihren Geburtstagsgru? betr??gen? Wieso konnte es ?so am leichtesten? sein? Und vor allem: Wie sollte sie Hilde ausfindig machen?

    Auf diese Weise hatte Sofie noch ein Problem, ??ber das sie sich den Kopf zerbrechen konnte. Sie versuchte wieder, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen.

    Im Laufe weniger Nachmittagsstunden war sie mit drei R?tseln konfrontiert worden. Das erste R?tsel war die Frage, wer

    die beiden wei?en Briefumschl?ge in ihren Briefkasten gelegt hatte. Das zweite waren die schwierigen Fragen, die diese Briefe stellten. Das dritte R?tsel war, wer Hilde M?11er Knag war und warum Sofie eine Geburtstagskarte f??r dieses fremde M?dchen erhalten hatte.

    Sie war sich sicher, da? diese drei R?tsel irgendwie zusammenh?ngen mu?ten, denn bisher hatte sie ein ganz normales

    Leben gef??hrt.

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    Der Zylinderhut

    ... das einzige, was wir brauchen,

    um gute Philosophen zu werden, ist die F?higkeit,

    uns zu wundern...

    Sofie ging davon aus, da? der Schreiber der anonymen Briefe sich wieder melden w??rde. Sie beschlo?, vorerst niemandem von diesen Briefen zu erz?hlen.

    In der Schule fiel es ihr schwer, sich auf das zu konzentrieren, was der Lehrer sagte. Sofie fand pl?tzlich, er rede nur von unwichtigen Dingen. Warum sprach er nicht lieber dar??ber, was ein Mensch ist - oder was die Welt ist und wie sie entstehen konnte?

    Sie hatte ein Gef??hl, das sie noch nie gehabt hatte: In der Schule und auch sonst ??berall besch?ftigten die Leute sich mit mehr oder minder zuf?lligen Dingen. Aber es gab doch gro?e und schwierige Fragen, deren Beantwortung wichtiger war als die ??blichen Schulf?cher.

    Hatte irgendwer Antworten auf solche Fragen? Sofie fand es jedenfalls wichtiger, dar??ber nachzudenken, als starke Verben zu b??ffeln.

    Als es nach der letzten Stunde schellte, lief sie so schnell vom Schulhof, da? Jorunn rennen mu?te, um sie einzuholen. Nach einer Weile fragte Jorunn:

    ?Wollen wir heute abend Karten spielen??

    Sofie zuckte mit den Schultern.

    ?Ich glaube, ich interessiere mich nicht mehr so sehr f??r Kartenspiele. ?

    Jorunn sah aus wie aus allen Wolken gefallen.

    ?Nicht? Sollen wir dann lieber Federball spielen?? Sofie starrte den Asphalt an - und dann ihre Freundin. ?Ich glaube, Federball interessiert mich auch nicht mehr so sehr.?

    17

    ?Na gut!?

    Sofie h?rte in Jorunns Stimme einen Hauch von Bitterkeit.

    ?Du kannst mir aber vielleicht erz?hlen, was pl?tzlich soviel wichtiger geworden ist??

    Sofie sch??ttelte den Kopf.

    ?Das ... ist ein Geheimnis.?

    ?P?h! Du bist bestimmt verliebt.?

    Die beiden gingen lange zusammen weiter, ohne etwas zu sagen. Als sie den Fu?ballplatz erreicht hatten, sagte Jorunn: ?Ich gehe ??ber den Platz.?

    ???ber den Platz.? Das war der schnellste Weg zu Jorunn, aber sie ging ihn nur, wenn sie dringend nach Hause mu?te, weil Besuch kam oder weil sie einen Zahnarzttermin hatte. Sofie merkte, da? es ihr leid tat, Jorunn verletzt zu haben. Aber was h?tte sie antworten sollen? Da? es sie pl?tzlich so sehr besch?ftigte, wer sie war und woher die Welt stammte, da? sie keine Zeit zum Federballspielen hatte? Ob ihre Freundin das verstanden h?tte?

    Warum war es blo? so schwer, sich mit der allerwichtigsten und irgendwie auch allernat??rlichsten Frage zu befassen? Sie sp??rte ihr Herz schneller schlagen, als sie den Briefkasten ?ffnete. Auf den ersten Blick sah sie nur Kontoausz??ge und einige gro?e gelbe Briefumschl?ge f??r ihre Mutter. Doof, Sofie hatte so sehr auf einen neuen Brief des unbekannten Absenders gehofft.

    Als sie hinter sich das Tor schlo?, entdeckte sie auf einem der gro?en Umschl?ge ihren eigenen Namen. Auf der R??ckseite, wo der Umschlag zugeklebt war, stand: Philosophiekurs. Mu? mit gro?er Vorsicht behandelt werden.

    Sofie lief ??ber den Kiesweg und stellte ihre Schultasche auf die Treppe. Sie schob die ??brigen Briefe unter die Fu?matte, rannte in den Garten hinter das Haus und suchte Zuflucht in der H?hle. Der gro?e Brief mu?te dort ge?ffnet

    werden. Sherekan kam ihr nachgerannt, aber dagegen konnte sie 18

    nichts machen. Sofie war sich aber sicher, da? die Katze nichts ausplaudern w??rde.

    Im Umschlag steckten drei gro?e, mit Maschine beschrie - bene B?gen, die mit einer B??roklammer zusammengeheftet waren. Sofie fing an zu lesen.

    Was ist Philosophie?

    Liebe Sofie! Viele Menschen haben unterschiedliche Hobbys. Manche sammeln alte M??nzen oder Briefmarken, andere handarbeiten gern, noch andere widmen fast all ihre Freizeit einer bestimmten Sportart.

    Viele lesen auch gern. Aber was wir lesen, ist sehr unterschiedlich.

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