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oberschlesischen

By Kimberly Perry,2014-06-09 08:49
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oberschlesischen

    12Günther Eich: Züge im Nebel

Mir hatte die Sache von Anfang an nicht gefallen. Stanislaus meinte, weil es zweimal

    34gut gegangen war, würde es auch das dritte Mal klappen. Mir leuchtete das nicht ein,

    5aber schließlich ließ ich mich breitschlagen. Hätte ich nein gesagt, wäre mir jetzt

    6wohler, und den Schnaps hier hätte ich verkauft, anstatt ihn selber zu trinken.

    78 Wir fuhren am Abend ziemlich frühzeitig raus, Stanislaus und ich. Die

    9Gegend kennst du bestimmt nicht, und ich will dir auch nicht so genau beschreiben,

    10wo es ist. Jedenfalls stellten wir das Auto bei einem Bauern ab, der ist ein

    1112Geschäftsfreund von uns. Ich ließ mir ein paar Spiegeleier braten, und Stanislaus

    131415ging noch schnell bei Paula vorbei, die ist Magd nebenan. Dann stolperten wir 1617los. Da muss man schon Bescheid wissen, wenn man sich da nachts

    18zurechtfinden will.

    19 Ich war schlechter Laune und sagte zu Stanislaus, er solle das verdammte

    2021Rauchen lassen, das ist doch schon beinahe was wie im Steckbrief ein besonderes

    22Kennzeichen. Aber er kann nicht aufhören damit, er raucht von morgens bis abends

    23und noch länger. Er sagte, ich wäre überhaupt ein Angsthase, und das ärgerte mich.

    24Schließlich steckte ich mir selber eine an.

     1 der Zug, -" e 火車 2 der Nebel, - 3 et. klappt (口語用法) 成功,沒有問題 4 jm. einleuchten 使某人明白 5 sich breit’schlagen lassen (口語用法) 被說服 6 anstatt 代替 7 frühzeitig 很早的 8 raus (口語用法) heraus出來 hinaus出去 的縮略形式 9 die Gegend, - 地帶,地區 10 abstellen 停放 11 der Geschäftsfreund, - 有生意往來的朋友 12 das Spiegelei, -er 荷包蛋 13 bei jm. vorbei’gehen (口語用法) 很快地看望、拜訪一下某人 14 die Magd, -" 女僕 15 nebenan 鄰近;隔壁 16 losstolpern 顛簸上路 17 Bescheid wissen 知道,了解 18 sich zurechtfinden 熟悉 19 verdammt (口語用法) 該死的 20 was (口語用法) etwas 21 der Steckbrief, -e 通緝令 22 Kennzeichen 標記,記號 23 der Angsthase, -n 膽小鬼 24 anstecken 點燃

     1

    12 Wir gingen quer über die Felder zum Bahndamm. Es war ein ekelhafter Nebel

    3Nebel da, weil es so nahe am Wasser ist. Die Bahn ist eigentlich zweigleisig, aber wo

    45wo die Brücke gesprengt war, ist erst ein Gleis wieder rübergelegt. Die Züge fahren

    6fahren hier ganz langsam, und das ist eine prima Stelle zum Aufspringen. Und weil ein paar Kilometer weiter wieder so eine langsame Stelle ist, kommt man auch gut

    wieder runter. Und das ist für uns natürlich wichtig. Ich habe nämlich gar keine Lust,

    78irgendein Stück von mir auf die Schienen zu legen, wenn gerade was drüber rollt.

    910 Übrigens stammt die ganze Idee von mir. Ich war drauf gekommen, als ich

    1112selber mal die Strecke fuhr und zum Fenster raussah. So eine Idee ist Gold wert,

    13mein Lieber, aber mich kotzt sie jetzt an.

    1415 Wir saßen unten am Bahndamm auf einem Stapel Schwellen und froren jämmerlich. Der Nebel schien noch dicker geworden zu sein. Der einzige Vorteil war,

    dass man in der nassen Luft die Züge von weither hörte. Der erste kam aus der andern

    16Richtung, den konnte wir nicht brauchen. Der zweite war ein Personenzug. Man

    17hörte ihn noch lange, nachdem er über die Brücke gerumpelt war. Dann war es still.

    18Stanislaus rauchte, und hin und wieder tat ich’s auch. Wir gingen ein paar Schritte

    19hin und her, um uns zu erwärmen. Stanislaus erzählte seine oberschlesischen Witze,

    20die ich alle schon kannte. Dann sprachen wir von Gleiwitz und von der

    21Schillerstraße, und das machte uns ein bisschen warm. Auf einmal pfiff in der Ferne

    2223eine Lokomotive, und wir machten uns wieder fertig.

     1 der Bahndamm, - " e 鐵路路堤 2 ekelhaft 令人噁心、討厭的 3 zweigleisig 雙軌的 4 sprengen 炸毀 5 rübergelegt 鋪設上去 6 aufspringen 跳上 7 die Schiene, -n 軌道 8 rollen 行駛 9 stammen 來自 10 auf etw. kommen 想到 11 mal (口語用法) einmal, 有一次 12 die Strecke, -n 鐵路線段 13 etw. kotzt jn. an (粗野口語用法) 使感到厭惡 14 der Stapel, - 15 die Schwelle, -n 軌枕 16 der Personenzug, - " e 火車慢車 17 rumpeln 發出轆轆隆隆聲響 18 hin und wieder 偶爾 19 erwärmen 使暖和 20 Gleiwitz 波蘭城市名 21 pfeifen 鳴笛 22 die Lokomotive, -n 火車頭 23 fertig 準備好的

     2

    1 Der Güterzug, der jetzt kam, fuhr ziemlich schnell. Ich wusste auch genau, dass

    23nichts für uns drin war. Ich habe das im Instinkt. Ich winkte Stanislaus ab, aber der

    45war ganz versessen, er schwang sich auf einen Wagen und schrie: “Emil, nimm den

    6den nächsten!” oder so was Ähnliches, und dann war er im Nebel verschwunden. So

    7was Dummes! Den Wagen kriegte er bestimmt nie auf. Aber er weiß immer alles besser. Ich ließ den Zug vorbeifahren und wartete weiter. Warten muss man können.

    Drei in der anderen Richtung, und ich ärgerte mich schon, dass heute gar nichts

    klappte. Die Kälte ging mir immer tiefer, und Stanislaus kam nicht zurück, obwohl

    mehr als zwei Stunden vergangen waren. Ich blieb auch sitzen, als es wieder pfiff,

    und erst als die Lokomotive vorbei war und ich sah, dass es ein guter Zug war,

    kletterte ich auf den Bahndamm. Das Unglück wollte es, dass er sogar hielt. Kann

    89man da widerstehen, wenn man so direkt eingeladen wird? Ich hangelte mich hoch,

    10hoch, löste die Plombe, und als wir abfuhren, wusste ich schon genau Bescheid, dass

    11es Medikamente waren. Hier und da waren rote Kreuze drauf und so

    12Apothekerwörter. Ein Paket, wo ich dachte, dass Morphium drin sein könnte,

    13schmiss ich gleich raus. Das war natürlich dumm, weil wir nun auf beiden

    14Flußseiten die Sachen auflesen mussten. Aber das hatte ich mir im Moment nicht

    überlegt, die Gelegenheit war zu günstig gewesen.

     Das andere waren alles größere Kiste, die ich so nicht gebrauchen konnte. Als

    1516ich die erste aufhatte, fuhren wir gerade über die Brücke. Ich gebe zu, dass der

    17Lokführer trödelte, vielleicht lag es auch an den Signalen, aber ich kann auch sagen,

    dass ich genau und schnell gearbeitet habe.

     Die Kartons, die in der Kiste waren, sah ich mir nicht weiter an. Ich schmiss

    zwei und noch mal zwei raus, als wir drüben waren. Der Zug hielt schon wieder. Ich

    guckte raus und überlegte, ob ich absteigen sollte.

     1 der Güterzug, -" e 貨運列車 2 der Instinkt, -e 直覺 3 abwinken 打手勢表示拒絕 4 versessen 著迷;熱衷 5 sich auf etw. schwingen 一躍而上 6 verschwinden 消失 7 etw. aufkriegen (口語用法) 打開。相同於etw. aufbekommen 8 widerstehen 抵抗 9 hangeln 雙手交替向前移動 10 die Plombe, -n 此指上鎖車廂的封記 11 das Medikament, -e 藥品 12 das Morphium, - 嗎啡 13 rausschmeißen 扔出 14 auflesen 拾取 15 etw. aufhaben (口語用法) 打開 16 zugeben 承認,同意 17 trödeln 動作緩慢

     3

    1 Da sehe ich etwas wie eine dunkle Gestalt neben dem Zug und seh den Lichtpunkt von der Zigarette. Ich rufe. “Stanislaus!” und er kommt rauf, und ich helfe

    2ihm noch. Er knipst gleich seine Taschenlampe an und guckt in die aufgebrochene Kiste, sagt aber keinen Ton. Verdammt noch mal, ich muss in dem Augenblick nicht

    3ganz bei mir gewesen sein, sonst hätte ich doch was gemerkt.

     “Nimm deine dämliche Taschenlampe weg!” sage ich zu ihm, weil er mich von

    4unten bis oben anleuchtet und direkt ins Gesicht.

     “Ich glaube, wir hören auf”, sage ich noch, “mehr können wir gar nicht

    wegschaffen, bis es wieder hell ist.” Und da merke ich auf einmal, was ich für ein

    5Rindvieh bin, und dass es einer von der Bahnpolizei ist.

     Ich springe gleich raus und er hinterher. Als ich den Bahndamm runter will,

    67stolpere ich. In dem Nebel wäre ich vielleicht trotzdem entwischt, aber da schrie er

    8er “Emil, Emil!” hinter mir her, und das machte mich ganz irre. Es war also doch

    Stanislaus, wie? So was Verrücktes!

     Jedenfalls hat er mich auf einmal gepackt, und ich fühlte etwas im Rücken, was

    9bestimmt ein Pistolenlauf war. Ich nahm ganz mechanisch die Hände hoch.

    “Stanislaus?” frage ich noch ganz dumm.

    10 Er durchsuchte mich und nahm mir mein Werkzeug und die Lampe ab. Waffen

    fand er natürlich nicht, so was nehmen wir nicht mit, unser Handwerk ist friedlich.

    1112Dann zog er mir die Brieftasche heraus.

     “Emil Patoka”, sagte er.

     “Woher wussten Sie vorher meinen Vornamen?” fragte ich.

    1314 “Setz dich hierhin!” Und er schubste mich auf einen Grenzstein. “Ich heiße

    Gustav Patoka.”

     Er hätte mich nicht so schubsen brauchen, ich hätte mich von allein hingesetzt,

    15so erschlagen war ich.

     1 die Gestalt, -en 人影 2 anknipsen (口語用法) 3 jd. ist nicht bei sich 頭腦不正常 4 anleuchten 照亮 5 das Rindvieh, die Rindviecher 笨蛋 6 stolpern 絆倒,踉蹌 7 entwischen (口語用法) 逃走 8 irremachen 使困惑 9 der Pistolenlauf, -" e 槍管 10 durchsuchen 搜遍 11 die Brieftasche, -n 皮夾子 12 herausziehen 抽出來 13 schubsen (口語用法) 14 der Grenzstein, -e 界石 15 erschlagen 嚇呆,疲憊不堪

     4

     “Gustav Patoka, so”, sagte ich. Ich kannte nur einen Gustav Patoka, und das war mein Bruder.

     “Wo sind die Pakete?” fragte er.

     “Ich hab’ sie rausgeschmissen.”

     “Wieviel?”

     “Vier”, log ich, denn so erschlagen wie ich war, eine Hintertür wollte ich mir

    1doch noch aufhalten. Ich dachte an das erste Paket, und dass es drüben auf der

    anderen Flußseite lag, und dass vielleicht Morphium drin war. Morphium ist immer

    ein gutes Geschäft. Es gibt Leute, von denen kannst du alles dafür kriegen.

    2 Mir war ganz komisch zumute. Da saß ich und war also offenbar

    3festgenommen. Oder nicht? Und der Polizist hieß Gustav Patoka und war mein

    4kleiner Bruder. Da ging er mit langen Schritten auf und ab. Das war so Gustavs Art,

    wenn er über was Schwieriges nachdachte. Klar, ich war ein schwieriger Fall.

     “Der Zug fährt ab”, sagte ich, weil ich dachte, er müsste vielleicht mitfahren.

    5Aber er guckte bloß ganz flüchtig hoch, und dann ging er wieder hin und her, eine ganze Weile, dass es mir immer komischer wurde. Inzwischen rollte der Zug vorbei,

    6das Schlusslicht verschwand auch und man hörte das Geräusch immer leiser in der

    Ferne. Jetzt waren wir beide ganz allein mitten in dem Nebel. Wo war bloß Stanislaus

    hingekommen? Ich ärgerte mich, weil er doch eigentlich an allem schuld war. Dieser

    Idiot, wenn er nicht aufgesprungen wäre, wäre alles ganz anders gekommen.

     “Gustav”, sagte ich, “wenn du mein Bruder bist, könntest du mir wenigstens die

    7Hand geben, anstatt mich wie einen Verbrecher zu behandeln.”

     “Was bist du sonst?”

     “Hör mal, Gustav, ich mache dir einen Vorschlag. Wir arbeiten bisher bloß zu

    zweit. Wenn du mitmachen würdest, wie? Ist das keine Idee? Du, ich rede mit

    8meinem Kumpel drüber. Gustav, mach mit! Es lohnt sich! Und du als Polizist, das

    wäre prima. - Mensch, Mensch -

    9 Ich wurde ganz aufgeregt, denn das war tatsächlich eine gute Idee. Ich sprang

    1011vor Eifer auf und wollte ihn beim Arm packen, aber er stieß mich zurück und

     1 eine Hintertür aufhalten (口語用法) 為自己準備後路 2 zumute 心情 3 festnehmen 逮捕 4 auf und ab 來來回回 5 flüchtig 匆匆地 6 das Schlusslicht, -er 後車燈 7 jm. die Hand geben 跟某人問候 8 der Kumpel, - (口語用法) 同事 9 aufregen 興奮;激動 10 vor Eifer aufspringen 興奮得跳起來 11 zurückstoßen ...朝後推

     5

    1sagte: “Halt’s Maul!”

     Nun ja, er war bei der Polizei, aber er war doch mein Bruder, und einen

    vernünftigen Vorschlag wird man doch machen dürfen. Ich werde ihn schon noch

    2rumkriegen, dachte ich.

     “Wie bist du bloß zur Polizei gekommen?”

    3 “Ich fand keine andere Arbeit, und schließlich ist das doch ein anständiger

    Beruf. Jedenfalls besser als deiner.”

     Darüber hätte ich natürlich mit ihm streiten können, aber Reden ist Silber,

    Schweigen ist Gold.

     “Weißt du was von Vater?” fragte ich.

     “Ich habe jetzt Nachricht. Er ist im vorigen Jahr gestorben.”

     “Gestorben?”

    45 “Er war bis zuletzt zu Hause. Ich wollte gerade rüberfahren, ihn holen.”

    6 Ich musste ein bisschen schlucken, denn ich hatte meinen Alten immer gerne

    gehabt.

     “Ich hab’s mir gedacht”, sagte ich, “ich habe mir gedacht, dass ich ihn nicht

    mehr sehe. Jetzt wäre er gerade sechzig. Das ist doch kein Alter zum Sterben. Was hat

    er denn gehabt?

     “Er ist verhungert.”

     Mein Alter, dem das Essen immer so viel Spaß machte, verhungert! Das waren ja

    schöne Nachrichten!

    7 “Du bist ein Gemütsmensch”, sagte ich.

    8 Und er antwortete: “Das hab’ ich vielleicht von dir so angenommen.”

     Ich muss dir das erklären, warum er das sagte. Er sagte das, weil ich ihn nämlich

    erzogen hatte. Da wunderst du dich, aber es ist tatsächlich so. Mutter starb bald nach

    9seiner Geburt. Vater musste jeden Tag in die Arbeit. Die Nachbarin half aus, aber

    weil ich schon acht Jahre alt war, musste ich das meiste machen, wenn ich nicht

    10gerade in der Schule war. Ich hab’ ihm die Windeln gewaschen und hab’ ihn

    1112gewickelt. Bloß an die Brust konnte ich ihn nicht legen. Ich hab’ ein bisschen

     1 Halt’s Maul (粗俗口語用法) 住嘴 2 jn. rum’ kriegen (herum’ kriegen) 說服 3 anständig 正派的 4 bis zuletzt 一直到死 5 rüber’ fahren (hinüber’ fahren) 此指通過蘇俄佔領區邊界 6 schlucken 哽咽,吞嚥(口水) 7 der Gemütsmensch, -en 本為不動感情的人;此有諷刺意思,指重感情的人 8 annehmen 學到,接受 9 aushelfen (臨時) 幫忙 10 die Windel, -n 尿布 11 wickeln 12 jn. an die Brust legen 哺乳

     6

    1Mama bei ihm gespielt. Später passte ich auf, dass er sich die Ohren wusch und dass dass er die Schularbeiten machte. Überhaupt, solange ich zu Hause war, hatte ich mir

    2das so angewöhnt, immer auf ihn aufzupassen. Er lief mir nach wie an der Leine.

     Ich sagte: “Ich habe auch nicht gedacht, dass ich dich noch mal sehe.”

    3 “Passt dir wohl nicht?”

    4 Das überhörte ich. “Wo warst du denn die letzten Jahre, wo ich nichts mehr von

    von dir weiß?”

     “In Frankreich, dann im Ruhrkessel, dann in Gefangenschaft.”

     “Da hätten wir uns überall begegnen können.”

    5 “Ist jetzt auch noch früh genug. Oder zu spät, wie man’s nimmt.”

    6 “Red nicht so dusselig!”

    7 “Und du bist also von Beruf Schwarzhändler?”

     “Mein Gott, ich verkaufe die Sachen zu den Preisen, wie sie geboten werden.

    Wie du das nennst, ist mir egal. Außerdem bin ich arbeitslos. Ich bin tatsächlich

    8arbeitslos, ganz ohne Schwindel.”

     Er glaubte mir das natürlich nicht.

    9 “Und außerdem”, sagte er, “bist du ein Räuber und Bandit.”

     “Ach”, sagte ich, “darunter habe ich mir als Junge immer was Großartiges

    10vorgestellt. Da hatten wir doch zu Hause ein Buch, weißt du, das grüne mit dem

    fettigen Deckel!”

     “Ja”, sagte er, “in der Schublade, wo die Gabeln lagen. Ich kenne doch das Buch.

    Der Held der Abruzzen heißt es.”

     “Siehst du, und das habe ich mindestens zwanzigmal gelesen. Aber dass ich jetzt auch so ein großartiger Räuber wäre, kann ich nicht sagen. Ich habe noch keine

    11jungen Gräfinnen gerettet und keinen verjährten Mord gerächt. Und jetzt sagst du,

    12ich wäre ein Räuber! Nee, Gustav, so großartig ist die Wirklichkeit nicht.”

    13 “Du bist ein Räuber und Bandit. Und mein Bruder”, gab er mir eins drauf, “und das ist das Schlimmste.”

     1 sich die Ohren waschen 洗耳朵(後面) 2 die Leine, -n 繩子 3 jm. passen ...的心意 4 überhören 沒聽到,不理會 5 wie man’s nimmt 就看人要如何看待此事 6 dusselig 愚蠢的 7 der Schwarzhändler, - 黑市商人 8 der Schwindel, - 欺騙 9 der Bandit, -en 強盜 10 vorstellen 想像 11 verjährt 很舊的 12 nee (口語用法) nein 13 jm. eins drauf’ geben (口語用法) 補上一語來打擊某人

     7

    1 “Das ist eine Gemeinheit von dir, zu sagen, dass das das Schlimmste wäre! Und

    Und sieh mal, jeder tut heute irgendwas, was er nicht darf. Wer lebt denn bloß von der

    Lebensmittelkarte! Jeder schwindelt, jeder betrügt, bloß der eine ein bisschen mehr

    und der andere ein bisschen weniger.”

     “Hör mal”, sagte Gustav, “da gibt es also, wenn man die Welt richtig ansieht, gar

    keinen Unterschied zwischen gut und schlecht, zwischen richtig und falsch?”

    2 “Siehst du, jetzt kommst du allmählich dahinter. Das sind alles bloß kleine Unterschiede.”

     Da kommt er ganz nahe an mich ran und guckt mich an, dass mir angst wird.

    “Ich will wissen, ob das dein Ernst ist!” Er fasste meine Hände und drückte mir die

    3Knöchel, dass es mir weh tut. “Ich weiß nicht, ob dir noch irgendwas heilig ist und

    4ob du schwören kannst. Aber sag mir beim Andenken unserer verstorbenen Eltern, hörst du, sag mir, dass das dein Ernst ist.”

     “Natürlich”, sage ich, “natürlich ist es mein Ersnt!” Er ließ mich los und ging

    5wieder auf und ab, aber mir kam es vor, als sei er viel ruhiger. Vielleicht wird er jetzt

    jetzt vernünftig, dachte ich, aber ich weiß auch nicht, ich hatte einfach Angst, ganz

    entsetzliche Angst, und mir war es auch klar, dass noch irgendwas Furchtbares

    kommen würde.

     “So”, Gustav blieb plötzlich stehen, “jetzt will ich dir noch was von mir erzählen,

    was du bestimmt noch nicht gewusst hast. Oder doch? Hast du gewusst, dass du bis

    6vor einer halben Stunde der einzige Mensch warst, auf den ich felsenfest vertraut

    habe? Bis vor einer halben Stunde, und ganz und gar weg ist es erst seit zwei

    Minuten.”

     Mir schlug das Herz bis zum Halse, sage ich dir. Jetzt war es da, das Furchtbare.

     “Du warst mein großer Bruder, aber du warst noch viel mehr als das. Du hättest

    es vielleicht nie erfahren, und ich schäme mich auch schrecklich, lauter so große

    7Worte in den Mund zu nehmen, aber alles, was rein und stark war und fest und sicher

    sicher und treu und anständig und ehrlich, alles, was gut war, das warst du. Du kannst

    darüber lachen, jetzt ist es mir egal. In all den Jahren, wo du weg warst, waren die

    8schönsten Tage die, wenn du auf Urlaub kamst. Ich habe immer geheult, wenn du

    9wegfuhrst, ich hatte Angst um dich, wenn du draußen warst. So ein alberner Junge

     1 die Gemeinheit, -en 卑鄙 2 hinter eine Sache kommen 瞭解某事 3 der Knöchel, - 踝骨 4 das Andenken, - 懷念 5 vorkommen 顯得,看起來 6 felsenfest 堅定不移的 7 in den Mund nehmen 掛在嘴上 8 heulen 號哭 9 albern 滑稽(幼稚)可笑的,

     8

war ich, so ein Kind. Und später, als ich auf einmal selber erwachsen war und mich

    allein zurechtfinden musste, da hab’ ich mir immer vorgestellt, wie du alles machen

    würdest, und dann war es richtig. Was würde Emil dazu sagen, was würde Emil hier

    tun? So habe ich mich bestimmt alle Tage gefragt. Es ist zum Lachen, aber ich glaube,

    1ich verdanke es dir, dass ich bisher ein ganz ordentlicher Mensch geblieben bin, so für meine Begriffe.“

    2 “Ach, Gustav”, sage ich, “das sind so die Jahre, der Kommiß, der Krieg, kein

    345Zuhause, - ich bin so verwildert. Es ist alles Mist.”

     “Ja, ja, das kann schon sein”, sagte er, aber ich merkte, dass er gar nicht

    67hinhörte, es interessierte ihn nicht. Er reichte mir meine Brieftasche wieder hin.

    “Hier. Und jetzt musst du gehen.”

    8 “Deine Schlosserwerkzeuge behalte ich. Die Pakete lässt du liegen!”

     “Gustav, sag mir wenigstens deine Adresse!”

     “In zehn Minuten schieß ich ein paarmal. Reg dich nicht weiter auf! Das ist,

    9damit man mir glaubt, dass mir einer durch die Lappen gegangen ist. Aber dann

    10musst du schon weit sein. Hau ab!”

     “Gustav -

     “Hau ab, sag ich dir!”

    11 Er stampfte mit dem Fuß auf. Ich ging.

    12 Der Regen war zu einem feinen Rieselregen geworden, und die nasse Erde

    13klebte mir an den Schuhen. Ich kam schlecht vorwärts. Kurz bevor ich die Straße

    14erreicht hatte, hörte ich ein paar Schüsse. Es muss drei oder vier Uhr morgens gewesen sein.

     Als ich ins Dorf kam, war Stanislaus längst da und saß seit ein paar Stunden im

    Auto und wartete auf mich, - sagte er wenigstens. Er hatte mein erstes Paket gefunden,

    15weil er später mit dem Gegenzug zurückgefahren war, und an der alte Stelle

     1 ordentlich 正派的;規矩的 2 der Kommiß, - (口語用法) 兵役 3 das Zuhause, - 住處 4 verwildert 變得不修邊幅;落魄 5 der Mist, - 蠢事 6 hinhören 傾聽 7 hinreichen 遞給 8 der Schlosser, - 鉗工;das Werkzeug, -e 工具 9 durch die Lappen gehen=entkommen (口語用法) 逃脫 10 abhauen 離開,滾開 11 aufstampfen 跺腳站起 12 der Rieselregen 毛毛雨 13 vorwärtskommen 有進展 14 der Schuss, die Schüsse () 15 der Gegenzug, -" e 對向列車

     9

    1abgesprungen. Es war Morphium drin. Stanislaus selber hatte gar nichts. Trotzdem

    schimpfte er, weil ich so lange geblieben war. Er behauptete, er wäre die Straße hin

    2und her gefahren und hätte gehupt. Ich glaube ihm das nicht. Er hatte bestimmt mit

    345Paula im Bett gelegen. Ich gönne sie ihm, sie hat einen vorspringenden Eckzahn,

    6und mir ist sie zu dick. Aber Stanislaus hatte gar keinen Grund, sich aufzuspielen. Er

    7Er hatte gar nichts geschafft, und ich hatte auch noch den Kopf hingehalten.

     Ich erzählte ihm nichts, sagte nur so unbestimmt, ich wäre zu weit gefahren und

    8hätte mich verlaufen. Er glaubte mir, dass ich müde wäre, und ich setzte mich auf

    den hinteren Sitz.

    910 Stanislaus steuerte. Der Motor war so laut, dass er nicht hörte, wie ich heulte.

    11Als Kind hatte ich mal Prügel bekommen, weil ich den Sonntagskuchen

    12aufgegessen hatte; aber ich glaube, das war nicht so schlimm gewesen.

     Jeztz sitze ich da und habe zu nichts Lust, kannst du das verstehen? Stanislaus

    13drängelt mich, aber ich habe keine Lust. Das Morphium war ein gutes Geschäft.

    Zuviel will ich nicht verdienen, es ist doch mal alles hin.

     Aber, Gustzv, mein Bruder, mein kleiner Bruder! Ich habe nicht gewusst, dass

    ich für jemanden so viel wert war! Du, das ist schön, oder es muss schön sein, denn

    ich habe es ja nicht gewusst. Aber bestimmt ist es schrecklich, wenn man es verliert.

    Ich hab’s verloren. Aber Gustav hat noch mehr verloren. Nicht mich, ach, du lieber

    Gott, das meine ich nicht, ich bin ja nichts wert. Aber oft liege ich nachts wach und

    14denke, er hält es nicht aus, es macht ihn kaputt. Und wer ist schuld, wenn er vor die

    15Hunde geht? Ich, ich, ich, ich, ich. Ob ich wirklich mal so ein Mensch gewesen bin,

    wie er’s gedacht hat? Ach, mein kleiner Bruder, mein kleiner Bruder. -

     1 abspringen 跳出去 2 hupft=hüpft 3 gönnen 賞賜,給予 4 vorspringen 向外突出 5 der Eckzahn, -" e 犬齒 6 sich aufspielen 裝腔作勢 7 den Kopf für et.(jn.) hinhalten 為某事()擔保風險 8 sich verlaufen 迷路 9 steuern 駕駛 10 heulen 號哭 11 einen Prügel bekommen 挨一頓揍 12 aufessen 吃完 13 drängeln 催促 14 aushalten 忍受 15 vor die Hunde gehen 墮落

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